„Estonia – twelve points!“

Kultur / 30.09.2019 • 15:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Estnisches Nationalorchester unter Neeme Järvi mit der Solistin Ye-Eun Choi. KULTURAMT BREGENZ/MITTELBERGER

Estnisches Nationalorchester unter Neeme Järvi verhalf den Meisterkonzerten zu einem Traumstart.

BREGENZ Man kennt den Begriff und das Prozedere vom jährlichen Song Contest: „Estonia – twelve points!“ Eine solche Auszeichnung hätte sich auch die opulent besetzte Estonia National Symphonie verdient, so wie sie am Wochenende im voll besetzten Festspielhaus den Meisterkonzerten einen Bilderbuchstart in die neue Saison beschert hat. Das war, ohne Wenn und Aber, ganz einfach ein tolles Konzert, das so manches in den Schatten stellte, was man zuletzt im Orchesterbereich hier gehört hatte.

Diese wahrhaft meisterliche Leistung des Orchesters an Klangschönheit, Präzision und Pianokultur hat freilich auch einen Namen. Seit 2010 steht der 82-jährige Este Neeme Järvi, eine mit allen denkbaren internationalen Ehren ausgezeichnete Dirigentenlegende von Weltruf, dem Orchester vor, hat es in seinem Sinne geprägt. Da braucht es für den alten Herrn am Pult heute rationell oft nur mehr ein Minimum an Zeichengebung, winzige Bewegungen, Augenkontakte – und das Werkel funktioniert wie eine Eins. So entsteht am Beginn mit der knappen Sinfonischen Dichtung „Koit“ („Morgenröte“, 1920) ihres estnischen Landsmannes Heino Eller ein duftig transparentes Stück Heimat und Herzblut der Musiker, bringt in nordischer Schwermut mit Naturschilderungen und traumhafter Oboe die Zuhörer auf Betriebstemperatur.

In diesem Fahrwasser der Spätromantik geht es weiter mit dem singulären Violinkonzert (1905) des Finnen Jean Sibelius, einem extravaganten Werk, das weniger die heimatliche Scholle betont, sondern die Virtuosität des Solisten im thematischen Dialog mit dem Orchester herausfordert. Die bildhübsche, gefragte südkoreanische Geigerin Ye-Eun Choi spielt diese höchst anspruchsvolle halbe Stunde halsbrecherischer Violin-Artistik komplett auswendig. Sie erfüllt das komplexe Werk nicht nur technisch mit Leben, sondern auch mit der Wärme ihres Klangs, den spürbaren Emotionen, die sie dazu einbringt, und der absoluten Souveränität ihres Spiels, getragen vom dichten Klangteppich des Orchesters. Bachs berühmtes Andante a-Moll aus der Violinsonate Nr. 2 ist die Zugabe.     

Dichter Wald von 60 Streichern

Das Finale grande gehört Bruckners „Romantischer“ Nr. 4 (1880), nach der Siebten dessen meistgespielte Symphonie, auch sie sehr naturhaft konzipiert. Die Musiker, die sich bei Sibelius in der Begleitung der Solistin noch vornehm zurückgehalten haben, gehen nun aus sich heraus wie Hunde, die man von der Leine lässt. Sie trumpfen in einem brillanten Orchesterklang selbstbewusst auf mit einem dichten Wald von 60 Streichern, die so kompakt wie ein Streichquintett klingen, mit makellosen Hörnern und Blechgeschmetter im berühmten Jagd-Scherzo, flinkem Holz und exzellenten Solisten an den ersten Pulten. Neeme Järvi ist die Ruhe selbst, ohne Showgehabe ganz in seinem Element und erreicht gerade damit große Wirkung. So steuert er Bruckners Steigerungen kontinuierlich zu gewaltigen klanglichen Eruptionen, lässt dabei aber nie die geniale Architektur vor allem im Finale außer Acht. Und obwohl er das Werk in der Rekordzeit von 52 Minuten abspult, hat man eigenartigerweise nie den Eindruck von überhasteten Tempi. Es bleibt trotz allem eine abgeklärte Interpretation, der bei allem Heiligenschein auch niemals die Spannung fehlt. Der Jubel wird mit Sibelius‘ Andante festivo belohnt.

Fritz Jurmann


Nächstes Bregenzer Meisterkonzert: 31. Oktober, 19.30 Uhr, Festspielhaus – Academy of St. Martin in the Fields, Leitung und Klarinette: Jörg Widmann (Werke von Mozart und Widmann)