Einem der größten Museen einfach Tschüss gesagt

Kultur / 01.10.2019 • 23:00 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Generaldirektorin Sabine Haag hat dem KHM Stabilität verliehen und hohe Besucherzahlen vorzuweisen. Mit ihr wird in den nächsten Tagen wohl verhandelt. APA

Beispiellos blamabel: Der Deutsche Eike Schmidt kehrt dem KHM kurzerhand den Rücken.

Christa Dietrich

Wien Es war ohnehin die fragwürdigste der Personalentscheidungen, die Ex-Kulturminister Thomas Drozda für das Kunsthistorische Museum in Wien traf und Stunden nachdem sich der Politiker nun nach dem schlechten Ergebnis seiner Partei bei der Nationalratswahl aus der Bundesgeschäftsführung der SPÖ verabschiedete, nämlich am Dienstagnachmittag, wurde das KHM mit der Nachricht konfrontiert, dass mit seinem Kandidaten Eike Schmidt (51) in Wien nun doch nicht zu rechnen ist. Der gebürtige Freiburger hätte im November sein Amt als Generaldirektor eines der größten Museen antreten sollen, sagte nun aber einfach ab und bleibt auf dem alten Posten als Leiter der Uffizien in Florenz. Die Vorgehensweise des deutschen Kunsthistorikers ist zwar beispiellos, so richtig überraschend dürfte sie für einige Museumsleiter der Bundeshauptstadt nicht sein.

Verkennung der Aufgabe

Schon länger wurde die Frage laut, ob der vor zwei Jahren als Nachfolger von Generaldirektorin Sabine Haag bestellte Eike Schmidt nicht vielleicht doch Florenz weiterhin den Vorzug gibt. Sein Reformkurs in den Uffizien begann gerade erst Wirkung zu zeigen, ausländische Museumsleiter standen bei rechtskonservativen Politikern in Italien zwar in der Kritik, aber das Blatt könnte sich ja wenden, hat sich auch gewendet, mittlerweile ist der Sozialdemokrat Dario Franceschini wieder am Ruder. Und Sabine Haag hatte dem riesigen KHM-Museumskomplex in wenigen Jahren in allen Bereichen hohe Stabilität verliehen und hat mit etwa 1,8 Millionen Eintritten im Jahr auch eine hervorragende Besucherbilanz vorzuweisen.

Inwieweit die kurzfristige Absage von Eike Schmidt auch eine Verkennung der großen Aufgabe in Wien darstellt, mit diesem Fakt wird sich Bundesminister Alexander Schallenberg auseinandersetzen. Er hat nun die Leitung des KHM zu regeln, das Eike Schmidt, wie er erst vor wenigen Wochen im Rahmen eines Treffens der Direktoren der größten Museen Europas im Prado (wie die VN berichteten) bekundete, in die digitale Zukunft führen wollte. Sabine Haag drückte dabei den Wunsch aus, dass ihr Nachfolger auch die historische und technische Forschung fokussiert. Sie war am Dienstag auf dem Weg zu einer Kaiser-Maximilian-Ausstellung in New York und wird wohl gebeten, diese Aufgabe noch eine Zeitlang selbst zu übernehmen.