Christa Dietrich

Kommentar

Christa Dietrich

Auch ein Versagen der Kulturpolitik

Kultur / 03.10.2019 • 22:34 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Das Kunsthistorische Museum in Wien, kurz KHM, zählt zu den weltweit wichtigsten Sammlungen und Forschungseinrichtungen. Mehrere Häuser gehören zum Museumsverband, weit über 100 Wissenschaftler sind beschäftigt. Das KHM ist wertvolle Bildungseinrichtung und Erlebnisort zugleich, beherbergt – kurz paraphrasiert – einige der teuersten Schätze des Staates, muss freilich auch wirtschaftlich arbeiten, wird aber von diesem, also von der öffentlichen Hand, maßgeblich finanziert. Betrachtet man die aktuellen Vorkommnisse rund um dieses Haus – der designierte Direktor sagt sein Kommen wenige Wochen vor dem Antritt so nebenbei ab –, gewinnt man den Eindruck, das große Kunsthistorische Museum ist aus der Sicht der Kulturpolitik eine x-beliebige kleine Kunsthalle. Wobei man die jüngsten Vorfälle aber wohl auch dort als skandalös werten würde. Außerhalb Österreichs zumindest.  

Der Abgang des deutschen Kunsthistorikers Eike Schmidt noch vor seiner Ankunft hat eine Vorgeschichte, die sein Agieren wenig überraschend, deswegen aber nicht weniger blamabel erscheinen lässt. In seiner kurzen Zeit als Mitglied der Regierung in den Jahren 2016 und 2017 hatte Minister Thomas Drozda den Ehrgeiz entwickelt, wichtige Posten im Kulturbereich neu zu besetzen. Das war bei der Wiener Staatsoper, die demnächst vom Musikmanager Bogdan Roscic geleitet wird, zwar nicht ganz, aber doch einigermaßen nachvollziehbar, beim KHM aber völlig unverständlich. Generaldirektorin Sabine Haag und Eike Schmidt wurden von einer Findungskommission in etwa gleich gereiht, Haags hervorragende Arbeit wurde in Fachkreisen stets gewürdigt, sie hatte zudem die Besucherzahlen in wenigen Jahren exzellent gesteigert. Schmidt hingegen stand mit den Uffizien in Florenz erst kurze Zeit im Vertrag, die Loslösung ließ sich kaum terminisieren.

Die Verzögerung und Äußerungen, aus denen ein möglicher Verbleib des deutschen Kunsthistorikers in Italien abzuleiten waren, hätten zu einer Klarstellung der Fakten führen müssen. Eingefordert von Kulturpolitikern, ganz egal, ob der zuständige Minister aufgrund von Neuwahlen nun wieder ein anderer war.

Es liegt im Wissenschafts- und Kunstbereich in Österreich mit Sicherheit einiges brach, das KHM-Debakel ist aber wohl auch ein Indiz dafür, dass die Abwertung der Bereiche als Anhängsel an andere Ministerien zu überdenken ist. Auch Alexander Schallenberg, der der Expertenregierung angehört, ist nicht einfach aus der Verantwortung zu entlassen. Es müsste doch stutzig machen, wenn es wenige Tage bevor der neue KHM-Direktor sein Büro in Wien betreten soll, noch nicht einmal Termine für die Präsentation seiner Vorhaben gibt. Die Causa Schmidt/KHM kostet zusätzliches Geld. Und damit ist nicht gemeint, dass die jeweiligen KHM-Leiter zu den Spitzenverdienern des Staates zählen. Einige Museumsmitarbeiter waren bereits laufend zwischen Wien und Florenz unterwegs. Übereilte Neuausschreibungsaktivitäten würden diese Summen nun nur erhöhen. Wozu? Das KHM hat eine Generaldirektorin.

„Betrachtet man die aktuellen Vorkommnisse rund um dieses Haus gewinnt man den Eindruck, das große Kunsthistorische Museum ist aus der Sicht der Kulturpolitik eine x-beliebige kleine Kunsthalle.“

Christa Dietrich

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