Auf den Flügeln des Gesanges

Kultur / 04.10.2019 • 18:59 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Gesang auf Händen tragenHelmut DeutschVerlag Henschel223 Seiten   

Gesang auf
Händen tragen

Helmut Deutsch
Verlag Henschel

223 Seiten   

Helmut Deutsch präsentiert sein Leben als Klavierbegleiter.

AUTOBIOGRAFIE Der Wiener Helmut Deutsch (73) gilt heute als einer der renommiertesten Klavierbegleiter großer Liedgestalter, auch als Mentor angehender Liedtalente. Das Schubertiade-Publikum liebt ihn fast so lange, wie es das Festival gibt, nämlich seit 40 Jahren, in dieser prägenden Rolle als fantastischen musikalischen Erzähler am Klavier bei weit über einhundert Einsätzen. Dass der im privaten Umgang als eher wortkarg geltende Deutsch sich auch verbal gekonnt ausdrückt und das Handwerk des Schreibens versteht, dürfte den meisten bis jetzt wohl unbekannt gewesen sein.

In seiner aktuellen Autobiografie „Gesang auf Händen tragen“ findet er bei aller Ernsthaftigkeit seiner Berufsauffassung mit leichter Ironie zu einem anschaulichen, durchaus amüsanten Erzählton über Begegnungen, Anekdoten, Höhepunkte und auch Enttäuschungen seines bewegten Lebens, in dem er über fünf Jahrzehnte die Großen des Liedes in den wichtigsten Konzertsälen der Welt begleitet und dabei ein Leben „auf Flügeln des Gesanges“ geführt hat. Eine spannende, detailreiche Lektüre nicht nur für Freunde des Liedgesanges.

Motivierend

Der eigenen Einschätzung seiner Tätigkeit als „Klavierbegleiter“ durch Deutsch widerspricht der polnische Startenor Piotr Beczala: „Das ist maßlos untertrieben. Für mich ist er ein kongenialer Partner, der meine Karriere außergewöhnlich bereichert hat.“ Die deutsche Sopranistin Diana Damrau pflichtet bei: „Man spürt schon bei den Proben, dass etwas Besonderes passiert, denn er ist unfehlbar.“ Und Ausnahmetenor Jonas Kaufmann meint: „Nur durch Helmut Deutsch habe ich zum Liedgesang gefunden. Ich verdanke ihm wunderbare gemeinsame Musikerlebnisse.“ Und genau das ist eines seiner wichtigsten Merkmale: dass er mit seiner lebenslangen Erfahrung nicht bloß den Klavierpart möglichst perfekt und stimmungsvoll mit Leben erfüllt, sondern darüber hinaus seine Gesangspartner vielfach berät, motiviert und zu neuem Repertoire anregt.

Spannend

Begonnen hat die Neigung zum Klavier bei Helmut Deutsch, indem er als Vierjähriger zuhause unter dem Flügel saß, während seine Eltern musizierten. Nach seiner Ausbildung nahm er schon sehr früh eine Professur für Korrepetition und Liedgestaltung an, die er bis vor kurzem ausübte. Bei seiner Tätigkeit als Klavierbegleiter war ihm vor allem die Partnerschaft mit dem bekannten Schubertiade-Gründer Hermann Prey so wichtig, dass er im Buch immer wieder auf ihn zurückkommt, unter anderem mit der Diskussion darüber, ob der Deckel des Flügels bei der Liedbegleitung offen oder geschlossen bleibe. Bei offenem Deckel fürchtete der eitle Bariton, dass das Klavier seine Stimme zudecken würde, Deutsch dagegen argumentierte, dass der Flügel erst bei geöffnetem Deckel seinen vollen Klang entfalte und fand die Quintessenz für sich: „Man kann ja auch leise spielen“. Heute begleitet niemand mehr bei geschlossenem Flügel. JU