Die Ängste des alten, weißen Mannes

Kultur / 04.10.2019 • 18:59 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Jan Weiler stellt in „Kühn hat Hunger“ grundsätzliche Fragen zu seinen Geschlechtsgenossen.

Roman Sie schreitet unaufhaltsam voran, die „Enteierung der Männer“. Wo ist sie nur hin, die gute, alte Zeit, als Männer noch Männer waren und Frauen noch Frauen? Wenn jetzt Frauen „zum starken Geschlecht umgebaut“ werden sollen, wo bleibt er denn da nur, der arme, alte, weiße Mann? Erfolgsautor Jan Weiler hat sein neues Buch „Kühn hat Hunger“ vorgelegt. So heißt der dritte Teil seiner Reihe über den in und um München ermittelnden Kommissar Martin Kühn und es geht um nicht weniger als die grundsätzliche, grönemeyerische Frage: „Wann ist der Mann ein Mann?“ Kühn ist auf Diät in Weilers neuer Geschichte – daher der Hunger. Und bei dieser Diät hilft ihm der große neue Männerratgeber von einem Autor namens Ferdie Caparacq, einer Ikone einer neuen, besonders männlichen Männlichkeit.

Die bahnbrechende Analyse geht auf Caparacqs Konto. Kern des Abnehmprogramms ist ein Satz: „Ho, hu, hu, Du geiler Typ.“ Zu brüllen jeden Morgen vor dem Spiegel. Kühn will brüllen und abnehmen und wieder attraktiv sein für seine Frau Susanne, die ihm zu entgleiten droht – nicht zuletzt nach seiner Affäre mit der aus Sicht des Kommissars beunruhigend unaufgeregt und unabhängig auftretenden Kollegin Leininger. Weilers Kunstgriff dabei: Die Kriminalgeschichte wird mit einer großen Meta-Ebene angereichert und so eher gesellschaftliche Parabel als Krimi. In „Kühn hat zu tun“ ging es um verdrängte Vergangenheit, in „Kühn hat Ärger“ um die riesige Kluft zwischen Arm und Reich, und in „Kühn hat Hunger“ geht es nun um überkommene Geschlechterrollen und toxische Männlichkeit. Sein Buch entlarvt die Ängste des alten, weißen Mannes als Versuch der Besitzstandswahrung. Besonders in der Beschreibung einiger Männer ist es brutal.

„Kühn hat Hunger“, Jan Weiler, Verlag Piper, 416 Seiten