Es ist üppig aufgedeckt

Kultur / 05.10.2019 • 10:30 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Karin Ferrari beschäftigt sich auch mit Verschwörungstheorien und Fake News. VN/Paulitsch
Karin Ferrari beschäftigt sich auch mit Verschwörungstheorien und Fake News. VN/Paulitsch

Karin Ferrari und Philipp Preuss sorgen für einen inhaltsreichen, spannenden Saisonstart im Künstlerhaus.

Christa Dietrich

Bregenz Die jüngste Inszenierung war ein Coup. Philipp Preuss (geb. 1974 in Bregenz) erhielt den Auftrag, im Rahmen der diesjährigen Bayreuther Festspiele, die für das Musiktheaterschaffen von Richard Wagner schlechthin stehen, die erste Sprechtheaterproduktion zu realisieren. Die vielschichtige Thematisierung von Leben und Werk von Siegfried Wagner, dem Sohn, samt der politischen Dimension fand weithin Beachtung. Während er sich – in Zusammenarbeit mit der ebenfalls aus Bregenz stammenden Bühnenbildnerin Ramallah Aubrecht – an namhaften Häusern in Deutschland längst einen sehr guten Namen erarbeitet hat, kennt man ihn in seiner Heimat in erster Linie und nicht zuletzt durch Ausstellungen im Palais Thurn und Taxis als bildenden Künstler. Wobei Philipp Preuss, der Philosophie und Regie studiert hat, seit Jahren darauf erpicht war, die beiden Kunstbereiche zusammenzuführen. Die angewendeten Techniken, wie Sampling, Mash Up, und Remix sind vor allem aus der Musik bekannt, auf der Bühne sind sie ebenso längst Usus, werden aber vor allem dann gerne akzeptiert, wenn man gar nicht so viel davon merkt, wenn das Große und Ganze entsprechende Sogwirkung verströmt.

„Ich habe festgestellt, dass Kunstmessen auch wie eine Theaterinszenierung funktionieren.“

Philipp Preuss
Regisseur, Bildender Künstler

Um aus dem Projekt „Le Bastard“, mit dem die Berufsvereinigung nun im Bregenzer Palais, dem Künstlerhaus, die Herbstsaison eröffnet, als Besucher entsprechenden Gewinn ableiten zu können, braucht man einige Basisinformationen oder Erinnerungsvermögen. Mit „The Globe“ ist Preuss einst auf den Plan getreten. Damals fungierten Schauspieler quasi fiktiv als Maler und Bildhauer und übten sich frappierend unverschämt an der Appropriation. Die Technik der Aneignung führte zu Objekten und Installationen, die der Besucher mit etwaig bekannten Werken in Verbindung bringen konnte. In den meisten der nun auf zwei Etagen gezeigten Arbeiten tritt der einst erfundene Künstler in den Hintergrund, sein Werk aber in Konfrontation mit mehreren Aneignungsakten. Verstanden? Vergegenwärtigen Sie sich am besten jene Buchstabenskulptur von Robert Indiana, aus der das Wort „Love“ ablesbar wird. Bringen Sie es in Verbindung mit Installationen von Ai Weiwei zu Überwachungsmechanismen und schon ist das Wandprojekt ergründbar.

Verdichtung erfährt diese Art der Zugehensweise in einem der kleinsten Werke. Unter einem Glassturz befindet sich nämlich der Original-Reisepass von Philipp Preuss, eine ISBN-Nummer auf der Rückseite führt zum Werk von Walter Benjamin und seinen Ausführungen zum Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. Damit hat man den Schlüssel für den Gang durch eine üppige Installation, die Theater- wie Ausstellungsraum ist, die die übliche Zurschaustellung von Kunst auf Messen ebenso thematisiert, wie Marktmechanismen an sich. Auf den einzelnen Teilen eines Silberbestecks, das beispielsweise beim Dinner zahlungskräftiger Sammler zum Einsatz kommen könnte, prangen Namen bekannter Performancekünstlerinnen wie Marina Abramovics oder Carolee Schneemann. Ob das Massiv des Mont Blancs oder der Zugspitze nun dem Kursverlauf verschiedener Bankinstitute angeglichen worden ist oder ob der bekannten Putzfrau von Duane Hanson in der Tat Leben eingehaucht wurde – Preuss‘ Arbeiten sind enorm politisch und in einer Art kapitalismuskritisch, wie es eben noch nicht inflationär und damit abgenützt ist.

Souverän

Ebenso souverän versteht es Karin Ferrari (geb. 1982 in Meran), Themen aufzugreifen, die allgegenwärtig sind. Indem sie verdeckte Botschaften in Musikvideos von Stars decodiert, und dabei selbstverständlich ebenso willkürlich verfährt, wie bei der Ergründung des ORF-Logos, das anscheinend auf ein Freimaurer-Symbol zurückzuführen ist, beschäftigt sie sich mit Verschwörungstheorien, Manipulation und News, deren Wahrheitsgehalt kaum noch ergründbar ist. Dass sie dabei den Bereich der Esoterik streift, ist beabsichtigt. Es wird ohnehin klar, dass Phänomene weniger im Vordergrund stehen als das, was wir als schön empfinden oder was ein Wohlgefühl auslöst.

Bis 10. November im Künstlerhaus Bregenz, Gallusstraße 10, Di bis Sa, 14 bis 18 Uhr, So, Feiertage, 11 bis 17 Uhr. Lange Nacht der Museen, 5. Oktober: langenacht.orf.at