Vom Wert des arglosen Staunens

Kultur / 05.10.2019 • 09:15 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
 Werner Grabher: "Alle Begegnungen zwischen Mensch und Tier in meinen Texten sind flüchtig, aber durch die Zoom-Technik beim Schreiben sehr intensiv." vn/RP
Werner Grabher: „Alle Begegnungen zwischen Mensch und Tier in meinen Texten sind flüchtig, aber durch die Zoom-Technik beim Schreiben sehr intensiv.“ vn/RP

Es gibt gute Gründe, warum Werner Grabher, der ehemalige Kulturchef des Landes auf ein Insekt kam.

Christa Dietrich

Lustenau Stellen Sie sich einmal ein weinendes Kind vor, dem dicke Tränen über das Gesicht kullern. Auf diesem Gesicht landet eine Fliege. Sie wird durch die Träne durchnässt, putzt sich die Fassettenaugen und weint somit auch. Durch dieses Fokussieren wäre es also möglich, dass der Mensch so etwas wie eine empathische Nähe zu einem Insekt aufbaut, das er gemeinhin als lästig empfindet und bei dessen Annäherung eher tötet als herzt. „Wir gehen nicht zimperlich um mit den Arthropoden“, erklärt Werner Grabher. Der schriftstellerisch tätige ehemalige Leiter der Kulturabteilung im Amt der Vorarlberger Landesregierung, der viele Jahre seines Berufslebens auch als Gymnasiallehrer und -Direktor tätig war, hat den Gliederfüßlern seine Aufmerksamkeit gewidmet. Gründe dafür gibt es viele, im Mittelpunkt steht dabei eine „Ästhetik der Wahrnehmung, bei der sich das wertfreie, absichtslose Staunen vor dem bloßen Moment des Betroffenseins stellt und das vorher Ungesehene ganz unaufdringlich sichtbar wird.“

„Der Verlust an Vielfalt ist immer auch ein Verlust an eigener Identität und an Schönheit.“

Werner Grabher

Schon in seinem Band „Nebenschauplätze“ holte er nicht nur die kleinen Szenen des Alltags ins Blickfeld, sondern auch die kleinen Lebewesen. Nach einer langen Abwesenheit von jeglicher literarischen Plattform, während der Grabher (geb. 1948 in Warth und in Lustenau wohnhaft) unter anderem die Welt bereiste, kehrt er nun mit der Performance „Insektenleichen. Böse Zeichen“ bzw. einem „Requiem für Arthropoden“ auf die Bühne zurück. Als Interpret seiner Texte legt sich Franz Morak, ehemals Burgschauspieler und Staatssekretär für Kunst und Kultur, ins Zeug. Angekündigt ist dieser auch als „Punk-Rocker“, Harry Scheffknecht sorgt sich um die Musik, das Duo Simon & Timon um die Animation.

Ästhetischer Zugang

Wie kommt aber nun Werner Grabher, den man auch als Pragmatiker in Erinnerung hat, auf das Insekt? „Mein Vater war Biologielehrer und hat mir die Augen für die Einzigartigkeit der Insektenwelt geöffnet“, erzählt er. An die Oberfläche gedrungen ist die schlummernde Leidenschaft dann im Zuge der Ausstellung von Jan Fabre vor einigen Jahren im Kunsthaus Bregenz. Manche erinnern sich sicher noch, das KUB hatte sich auch um die Präsenz der Arbeiten auf der Biennale von Venedig gekümmert. Man hatte ausreichend Gelegenheit, sich mit den Tausenden Insektenkörpern zu beschäftigen, die einer riesigen Skulptur Fabres Glanz verliehen, die auf der Makro- wie auf der Mikroebene von jeweils eigentümlichem Reiz war. „Mein Zugang ist in erster Linie ein ästhetischer. Man könnte in etwas romantischer Verklärung auch pantheistisch darüber schreiben, im Sinne der Beseeltheit aller Dinge und so“, schickt Werner Grabher dem Gespräch nach. Ein Requiem für ein Insekt? Man wird in der Tat nachdenklich, wenn Menschen den Grad des Insektensterbens, also die Ausdünnung der Population, wie er nun erfahren konnte, etwa daran messen, dass die Windschutzscheiben nach rasanter Fahrt nicht mehr so verschmutzt sind wie früher.

„Requiem für Insekten“ von Werner Grabher. Mit Franz Morak, Harry Scheffknecht, Simon&Timon-Animation, Freudenhaus Lustenau, 5. Oktober, 20 Uhr.