Klug gewählte Blondierung

Kultur / 07.10.2019 • 20:21 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Laura Mitzkus und Peter Bocek im Stück zur Tänzerin Therese Zauser (rundes Bild), produziert vom Walktanztheater in Vorarlberg. Theater, Mosman
Laura Mitzkus und Peter Bocek im Stück zur Tänzerin Therese Zauser (rundes Bild), produziert vom Walktanztheater in Vorarlberg. Theater, Mosman

Theaterstück zur Tänzerin Therese Zauser (1905-1942) wird zur starken Erfahrung.

Christa Dietrich

Feldkirch Es sei alles so schillernd, wie man es sich im grauen Vorarlberg gar nicht auszumalen vermag, heißt es einmal. Und das war wohl so, als Therese Zauser, in einem gut situierten Feldkircher Beamtenhaushalt aufgewachsen, sich durchsetzte, um das zu tun, wonach ihr der Sinn stand, nämlich als Tänzerin und Schauspielerin zu arbeiten und vor allem durch die Welt zu reisen. Der Bruder, ein Akrobat, hatte den Wunsch noch zusätzlich befeuert. Letztlich bedeutete der Ausstieg aber auch viel Arbeit, die die ambitionierte junge Frau nicht scheute, sondern auf sich nahm – mit einer bemerkenswerten Portion an Selbstbewusstsein.

Ein Koffer im Museum

Von Therese Zauser (1905-1942), deren Leben und Erlebnisse nun durch eine hervorragende Bühnenproduktion erfahrbar werden, die Brigitte Walk mit ihrem Walktanztheater realisierte, hatte man bis vor einigen Jahren in Vorarlberg kaum etwas gehört, gelesen oder gesehen. Stefania Pitscheider Soraperra, der Leiterin des Frauenmuseums in Hittisau, ist es zu verdanken, dass das Schicksal der Feldkircherin ins Blickfeld rückte. Im Rahmen der Ausstellung „Tollkühne Frauen“, in der von Akrobatinnen, Dompteusen, Zirkusdirektorinnen oder eben auch Varieté-Tänzerinnen erzählt wurde, waren auch der Koffer und einige Dokumente aus dem Nachlass Zausers zu sehen, die in ihrem Beruf – so weit über Engagements nachvollziehbar – durchaus erfolgreich war, schließlich aber durch die politischen Ereignisse gestoppt wurde. Grausam ist das Ende: „Bin noch in Tanger und darf nicht reisen. Therese“, lässt sie einmal wissen. Als Österreicherin bzw. Deutsche war die Künstlerin, die sich auch Therese Jansen oder Judit Zauser nannte, im französischen Nordafrika zunehmend Repressalien ausgesetzt. In Nazi-Deutschland fehlten die Auftrittsmöglichkeiten. Sie hätte Angebote angenommen, angedient hat sie sich den Machthabern aber nicht. Eine an sich richtige, aber in der Diktatur eben gefährliche Äußerung nämlich, dass der Krieg für die Nazis verloren ist, hörte einer dieser menschenverachtenden Denunzianten. Therese Zauser wurde festgenommen, ins KZ Ravensbrück gebracht und dort ermordet.

Ungemein viel Stoff für ein Theaterstück, viele allgemeine, aber kaum ins Persönliche reichende Fakten: Mit diesen Voraussetzungen ist es eine enorme Herausforderung, ein Werk zu entwerfen, das die Person Therese Zauser in den Mittelpunkt stellt.

Respekt

Als Theaterleiterin und Regisseurin war Brigitte Walk bestens beraten, als sie sich die Vorarlberger Schriftstellerin Nadine Kegele (bekannt geworden etwa mit „Bei Schlechtwetter bleiben Eidechsen zu Hause“, „Lieben muss man unfrisiert“ und „Blaue Augen zum Selbermachen“) für den Text ins Team holte. Sie bringt einen klaren, leicht ironischen Ton ein, macht die Figur exakt bis zu jenem Grad greifbar, bei dem fiktive Geschehnisse dann zur Behauptung werden würden. Das ist exzellent erspürt, entspricht – wenn man so will – einer gut gewählten Blondierung, also einer Ästhetik, die zum Inhalt passt, und bietet auch Einblick in jene komplexe Thematik, die Brigitte Walk zumindest ansprechen wollte. In Nordafrika bzw. in einigen der Mittelmeerländer hatte sich vor dem Zweiten Weltkrieg eine Gesellschaftsschicht entwickelt, die die Chance gehabt hätte, sich von den Schatten der Kolonialisierung zu befreien und offene Strukturen zu wahren. Die heutige Spurensuche nach dieser Zeit, die in Videoeinspielungen transparent wird, gestaltet sich schwierig. Aber es wird fein nuanciert eine Stimmung spürbar, aus der ein wenig Hoffnung zu schöpfen ist. Die Schauspieler Laura Mitzkus und Peter Bocek nehmen sie bestens auf. Auch die doppelte Besetzung beruht auf einer guten Entscheidung. Das Interesse der Zuschauer gilt unweigerlich der Person, aber wir sehen sie nicht einfach vor uns. Die Regie und die Akteure haben sie der Einschätzung der Zuschauer entzogen. Das weckt Interesse, zeugt von Respekt und ist somit bestens gelungen.

Weitere Aufführungen des Therese-Zauser-Projekts am 9. und 10. Oktober, jeweils 20 Uhr, im Feldkircher Montforthaus. Tournee von Wien bis Kairo geplant.