Unorthodoxe Neuordnung eines Archivs

Kultur / 09.10.2019 • 19:21 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Florian Huth und Simon Nagy haben sechs Wochen in Lustenau gelebt und gearbeitet. Galerie Hollenstein/kuzmanovic
Florian Huth und Simon Nagy haben sechs Wochen in Lustenau gelebt und gearbeitet. Galerie Hollenstein/kuzmanovic

Florian Huth und Simon Nagy zeigen die Ergebnisse ihres Aufenthalts in Vorarlberg im Druckwerk Lustenau.

Lustenau Einen druckgrafischen Schatz haben Florian Huth und Simon Nagy im Druckwerk Lustenau gehoben. Der Münchner Künstler und der Wiener Kulturwissenschaftler haben im Sommer im Rahmen eines Residency-Programms während sechs Wochen vor Ort gelebt und gearbeitet. Die Ergebnisse ihrer kooperativ-künstlerisch-experimentell-archivarischen Auseinandersetzung sind bis 27. Oktober in der Galerie Hollenstein zu sehen.

Den Begriff „Völlerei“ nimmt man von außen in den Galerieraum und die Ausstellung „etc.“ mit hinein. Bekannt ist, dass sich Florian Huth, der gerade seinen Abschluss an der Münchner Akademie bei Olaf Metzel gemacht hat, mit Drucktechniken und der Aneignung von fremdem Material auseinandersetzt. Simon Nagy, der junge Wiener Sprachkünstler, Literatur- und Kulturwissenschaftler arbeitet auf textlicher Ebene ganz ähnlich und war somit der ideale Kollaborateur auf Zeit. Den Ausgangspunkt für das Duo, das aus 35 internationalen Bewerbungen ausgewählt wurde, bildete eine Europalette mit mehreren tausend Druckplatten für Kunstpostkarten. Ein reicher Fundus, motivisch und historisch Kraut und Rüben, einzeln verpackt in Zeitungspapier und kleine Schachteln, im Keller des Druckwerks gelagert und bislang ungesichtet.

Anhand dieses zusammengewürfelten Materialpools haben sich Huth/Nagy an die Arbeit an einer Art Archiv gemacht. Nicht im streng wissenschaftlichen Sinn, sondern in ihrem eigenen Modus, der sich im Titel der Schau „etc.“ niederschlägt: assoziierend, aneignend, spielerisch-regelhaft, experimentierend neue Ordnungsstrukturen erstellend, alliterierend, ohne Vollständigkeit für sich zu reklamieren und unter Einbezug sämtlicher Materialien auf der Palette. Auf der Suche nach „Verknüpfungen, die abseits des Offensichtlichen schlummern, entlang fast unsichtbarer Fäden“ sind Huth/Nagy zu einer Einheit verschmolzen und haben drei gemeinsame Werkgruppen produziert.

Hintersinnige Paarungen

Während sie für die Videoarbeit „Verkehrte Welt“ und das Objekt „Geöffnet“ – die aberwitzige Übertragung des Cyan-Farbauszugs eines kubistischen Gemäldes von Paul Klee – jeweils ein spezifisches Bild aus dem Fundus herausgreifen, setzt die Reihe „Zwei et Zwanzig (und Zwei)“ auf mehr oder weniger konstruierte, alliterierende Verwandtschaften. In den Collagen kommt es nicht nur zu unorthodoxen Konstellationen und hintersinnigen Paarungen oder auch absurden Begriffs- und Bildpaaren wie „Katze & Kette“, „Wurzel & Weltall“, „Hase & Hieronymus“. Auch die im Hin- und Herspringen zwischen unterschiedlichen Reproduktions- und Vervielfältigungstechniken charakterisiert die Reihe. Nur ein einsames „Verleugnung“ irritiert einen Moment und lässt suchend um sich blicken. Aber da war doch etwas. Ja, richtig, die „Völlerei“. Eine eigenwillige Auswertung des Materialkonvoluts erfolgt auch in den minimalistisch-abstrakten Holzschnitten der Serie „Compositions“ von Huth, der Postkartenmotive von Zweierbeziehungen zwischen Menschen, Tieren und Gegenständen auf zwei weisse Linien und samtig-satte Farb-Mittelwerte reduziert. Das Druckwerk hat sich als gute Produktionsstätte erwiesen, die Galerie Hollenstein stellt dazu den idealen Präsentationsort.

Geöffnet in der Galerie Hollenstein in Lustenau, Pontenstraße 20, bis 27. Oktober, Fr, Sa, So, Feiertag, 15 bis 19 Uhr. 25. Oktober, 19 Uhr: Buchpräsentation.