Vom Wunderkind zum Geigenwunder

Kultur / 09.10.2019 • 19:21 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Das Mantua-Orchester unter Michael Guttmann mit der Solistin Elisso Gogibedaschwili im Dornbirner Kulturhaus. JU
Das Mantua-Orchester unter Michael Guttmann mit der Solistin Elisso Gogibedaschwili im Dornbirner Kulturhaus. JU

Die Lustenauerin Elisso Gogibedaschwili riss zu Beifallsstürmen hin.

DORNBIRN Mit dem Violinkonzert des Teufelsgeigers Niccolò Paganini, eingebettet in zwei satte Mozart-Knüller, kann man die Leute aus der Reserve locken. Dass das Kulturhaus diesmal aber so gut wie ausverkauft war, lag wohl doch in erster Linie an der jungen Lustenauer Geigerin Elisso Gogibedaschwili. Das Ergebnis übertraf alle Erwartungen.

Mozart und Paganini – das ist ein seltsames Gespann zweier total gegensätzlicher Komponisten, wie das auch Robert Schneider in seiner erfrischend schlüssigen Einführung richtig anmerkte. Hier der geniale Mozart, dort der exzentrische Schöpfer belangloser Konzerte mit dem einzigen Zweck, die technische Geläufigkeit der jeweiligen Violinsolisten ins rechte Licht zu rücken. Signifikant für diesen Vergleich ist allein der Übergang vom Geniestreich der „Figaro“-Ouvertüre zur übermäßig langen Einleitung des nichtssagenden Paganini-Konzertes. Diesen Qualitätssprung kann auch ein so klangvoll und flexibel aufspielendes Orchester wie jenes aus Mantua nicht glätten, so sehr sich der den ganzen Abend lang im körperlichen Großeinsatz stehende, ausgezeichnete Maestro Michael Guttmann auch darum bemüht.

Die Mozart-Ouvertüre wird von den Musikern zwar eher auf der sicheren Seite angesiedelt, etwas zu wenig frech und spritzig in der Artikulation, dafür aber sehr sauber im flinken Holz und mit Betonung der melodiösen Sanglichkeit des Werkes. Und dann Elisso, in den letzten Jahren vom Wunderkind zum Geigenwunder geworden. Man hat sie vor gut drei Jahren schon bei Dornbirn Klassik gehört, wo Kurator Roland Jörg gerne heimischen Talenten ein Podium verschafft. Die Bezeichnung „Talent“ mag damals noch gestimmt haben. Heute ist Elisso Gogibedaschwili, Tochter des aus Georgien stammenden Hohenemser Arpeggione-Chefs und dessen taiwanesischer Gattin Cecilia, international gefragte Solistin.

Energisch

Auch dieser Abend ist Teil einer großen Tournee mit dem Mantua-Orchester. Völlig ruhig übersteht Elisso auch das endlose Vorspiel bei Paganinis erstem Konzert D-Dur, um dann in die Vollen ihrer kostbaren Vuillaume von 1849 zu greifen, die im Saal wunderbar trägt. Während es beim ersten Auftritt hier um die emotionalen Tiefen bei Brahms ging, fordert Paganini unerbittliche Virtuosität bis zum Exzess. Kein Problem für Elisso, die diesen Griff nach den Sternen mit atemberaubenden Akkordzerlegungen und Doppelgriffen bis in höchste Lagen, mit technischen Spitzfindigkeiten wie Flageoletts und Spiccatos wie eine lockere Fingerübung bewältigt. Sie gibt mit ihrer Haltung, energischem Strich und kraftvollem Ausdruck die Linie vor und integriert sich stilsicher ins Orchester, dessen Dirigent um größtmögliche Präzision bemüht ist. Einen Jubel, wie er unmittelbar danach ausbricht, hat man in dieser Intensität und Herzlichkeit im Kulturhaus bisher kaum erlebt. Zur Beruhigung der Gemüter gibt es eine kleine „Melancholia“ von Eugène Ysaÿe. Eine passend triumphale Abrundung erfährt der Abend durch Mozarts letzte Symphonie Nr. 41 in C-Dur. Da zeigen nun die 35 Musiker und ihr Dirigent, was sie an Kraftentfaltung, Glanz der strahlenden Trompeten und knalligen Pauken im barocken Duktus draufhaben, dabei die vornehme Eleganz des kleinen, aber kompakten Streicherapparates. Trotz des Pomps bleibt alles durchhörbar. Auch hier ist das Publikum hingerissen und erhält eine köstliche Persiflage auf Mozarts „Kleine Nachtmusik“ mit auf den Heimweg.

Nächstes Konzert Dornbirn Klassik im Kulturhaus: 28. November, Violin-Duo Gazzana