„Ein Unvergleichlicher“

Kultur / 10.10.2019 • 21:03 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Peter Handke am Donnerstag in seinem Garten in Chaville bei Paris: „Der Preis ist eine sehr zwiespältige Angelegenheit und ein ewiges Dilemma.“ afp
Peter Handke am Donnerstag in seinem Garten in Chaville bei Paris: „Der Preis ist eine sehr zwiespältige Angelegenheit und ein ewiges Dilemma.“ afp

Der Österreicher Peter Handke erhält heuer den Nobelpreis für Literatur.

Paris, Stockholm „Die besondere Kunst von Peter Handke ist die außergewöhnliche Aufmerksamkeit zu Landschaften und der materiellen Präsenz der Welt, die Kino und Malerei zu zwei seiner größten Quellen der Inspiration werden ließen“, begründete die Schwedische Akademie die Zuerkennung des Literaturnobelpreises an den österreichischen Autor. Handke habe sich „als einer der einflussreichsten Autoren Europas nach dem Zweiten Weltkrieg etabliert“, nachdem er bereits mit seinem ersten Roman „Die Hornissen“ 1966 sowie mit dem Stück „Publikumsbeschimpfung“ von 1969 „der Literaturszene seinen Stempel aufgedrückt hat“.

Handke habe „sehr, sehr gerührt“ auf die Nachricht reagiert, berichtete der Vorsitzende des Nobelkomitees, Anders Olsson, am Donnerstag. Nach dem Anruf der Akademie hat sich Handke erstmal einen vier Stunden langen Spaziergang in der Natur gegönnt. „Es ist schon so, als ob das, was man gemacht hat, nun Licht bekommt. Auch wenn alles trügerisch ist: Es ist doch eine Art von Zusatz-Licht, das einem nur willkommen sein kann und für das man dankbar sein muss. Ich bin ein Anhänger der Weltliteratur, nicht der internationalen Literatur. Der Preis ist eine sehr zwiespältige Angelegenheit und ein ewiges Dilemma. Aber mir kommt vor, ich bin doch ein Leser oder vielleicht sogar ein Schreiber von dem, was Goethe Weltliteratur genannt hat. Wenn dann das Nobelkomitee so entscheidet, dann sind sie auf keinem ganz schlechten Weg, dass die Weltliteratur was bedeutet.“

Heftige Debatten

Handke, 1942 in Kärnten geboren, war selbst Ziel wütender Attacken. Bei der Vergabe des Ibsen-Preises in Norwegen wurde er vor einigen Jahren von Bosniern und Albanern wüst beschimpft. Seine Kritiker haben ihm seine Haltung im Balkan-Konflikt nicht verziehen. Handke stand auf der Seite Serbiens, verurteilte die Nato für ihre Luftschläge und hielt 2006 bei der Beerdigung des jugoslawischen Ex-Diktators Slobodan Milosevic eine Rede. 2006 lehnte Handke den Heinrich-Heine-Preis ab, weil die Verleihung an ihn Diskussionen ausgelöst hatte, ob er durch seine proserbische Haltung den Preis überhaupt verdiene. Schon 1996 sorgte sein Reisebericht „Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien“ für heftige Debatten. Mit seiner poetischen Sprache und angesichts des Umfangs seines Werks ist Handke, der in der Nähe von Paris lebt, wohl der wichtigste und prominenteste lebende österreichische Schriftsteller. Über 11.400 Seiten enthält die vom Suhrkamp Verlag herausgegebene „Handke Bibliothek“, in der alles enthalten ist, was er jemals in Buchform veröffentlicht hat. 1966 erschien sein Debütroman „Die Hornissen“. Im selben Jahr wurde er fast über Nacht bekannt: In einer Schmährede warf er dem legendären Literatenzirkel Gruppe 47 „Beschreibungsimpotenz“ vor. Die einen sahen es als furiose Selbstinszenierung, andere als Beginn einer Karriere. Seine Bekanntheit festigte Handke mit der Uraufführung von „Publikumsbeschimpfung“ in Frankfurt. 2011 sorgte die fünfstündige Uraufführung von „Immer noch Sturm“ bei den Salzburger Festspielen über den Freiheitskampf der Kärntner Slowenen für Aufsehen. Weggefährte Claus Peymann inszenierte 2016 am Wiener Burgtheater Handkes „Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße“. Handke verstörte und forderte sein Publikum. Letztlich sei Handke jemand „aus der Kategorie Einzelgänger, eine autonome Person im Literarischen“, sagte der österreichische Autor Gerhard Ruiss.  „Du bist im wahrsten Sinn des Wortes ein Unvergleichlicher, und manchmal sind deine Texte einfach zu groß für das Theater – aber von Dauer“, sagte Schauspieler Klaus Maria Brandauer. Begeistert hat Elfriede Jelinek auf die Vergabe reagiert. „Großartig! Er wäre auf jeden Fall schon vor mir dran gewesen.“ Für Jelinek, die den Preis selbst 2004 erhalten hatte, war es „höchste Zeit!“

Bestens gelaunte Theatergäste fanden sich am Abend der Nobelpreisbekanntgabe zur Premiere seines Stücks „Die Stunde da wir nichts voneinander wußten“ im Stadttheater Klagenfurt ein. „Ich bin euphorisiert“, so die ehemalige Burgtheater-Direktorin Karin Bergmann.

„Es ist doch eine Art von Zusatz-Licht, für das man dankbar sein muss.“

Signierstunde Handke, 1985, Bregenz, Buchhandlung Lingenhöle. Handke schrieb ein Vorwort zu Felders „Aus meinem Leben“. Das Vorarlberger Landestheater setzte in den letzten Jahren mehrere seiner Stücke um. Rudolf Zündel
Signierstunde Handke, 1985, Bregenz, Buchhandlung Lingenhöle. Handke schrieb ein Vorwort zu Felders „Aus meinem Leben“. Das Vorarlberger Landestheater setzte in den letzten Jahren mehrere seiner Stücke um. Rudolf Zündel

Reaktionen zum Literaturnobelpreis

Wir gratulieren von Herzen. Peter Handke hat 1985 zur Neuausgabe von Felders „Aus meinem Leben“ ein enthusiastisches Vorwort geschrieben. Er war beteiligt, als diese Autobiografie ins Französische übersetzt wurde. Seine Stimme ist in einem Interview im Felder-Museum in Schoppernau zu hören: Ein Felder-Begeisterter und Lebens-Verwandter. Norbert Häfele, Obmann, Felder Verein

 

Die Helden seiner Romane und seiner Stücke begleiten uns weiter, auch nachdem wir die Bücher zugeklappt und die Theater verlassen haben. Das Theater verdankt ihm viel, und auch deshalb macht die Nachricht Hoffnung. Das Theater braucht Poesie, Geheimnis und Stille – gegen die Raumverdränger und das Gegenwartsgeplapper unserer Zeit. Claus Peymann, Regisseur

 

Während des Bosnienkrieges hat sich Handke an die Seite serbischer Kriegsverbrecher gestellt. Es ist unverständlich, warum das Nobelpreiskomitee die intellektuelle Unterstützung für den Völkermord auszeichnet. Jasna Causevics, Gesellschaft für bedrohte Völker

 

Ein großer Moment für alle, die lesen. Peter Handke bricht beständig auf zu Abenteuern gleich um die Ecke wie zu Erlebnissen rund um den Globus. Diese Art des Schreibens verlangt eine eigenständige, radikal moderne Poetik. Jonathan Landgrebe, Suhrkamp Verlag

 

Von Handke wurde bisher gesagt, dass er mit seinen Äußerungen zu Jugoslawien den Nobelpreis verspielt hätte. Jetzt hat er ihn, aber was heißt das? Dass in den Überlegungen der Jury letztlich doch sein literarisches Gesamtwerk obsiegt hat. Klaus Kastberger, Germanist, Handke-Experte