Plädoyer für mehr Bildung

Kultur / 11.10.2019 • 20:41 Uhr / 10 Minuten Lesezeit
Michael Köhlmeier erzählend und bei einer Lesung mit Monika Helfer. BF/Köhler, VN/PS
Michael Köhlmeier erzählend und bei einer Lesung mit Monika Helfer. BF/Köhler, VN/PS

Schriftsteller Michael Köhlmeier spricht über Literatur, Demokratie und die kataklystische Ignoranz der Politik.

Christa Dietrich

Hohenems „Man muss kein großartiger Humanist sein, wenn einem solche Entwicklungen weh tun“, sagt Michael Köhlmeier zur Situation in Österreich und Deutschland. Der Schriftsteller feiert in wenigen Tagen den 70. Geburtstag, er nimmt eine wichtige Position in der Literatur ein, mit seinen Reden und Vorträgen ist er auch eine wichtige Stimme der Zivilgesellschaft.

 

Vor zehn Jahren habe ich Sie gefragt, welche Bedeutung der 60. Geburtstag hat. Sie verwiesen mich auf den Seniorentarif bei der Bahn, der Ihnen nun zusteht. Das Alter an sich beschäftige Sie nur in Bezug auf Ihre Romanfiguren. Hat sich nun etwas daran geändert?

Köhlmeier Ich wundere mich, dass ich so alt bin. Aber warum sollte ich mich wundern? Ich weiß ja, seit ich denken kann, dass ich jeden Tag älter werde. Also denke ich lieber nicht allzu viel darüber nach und mache einfach weiter.

 

Auf die Frage, was Sie am meisten beschäftigt, sagten Sie der Rechtsruck, der viel aggressiver geworden ist. Wie halten Sie angesichts dieser damaligen Feststellung die momentane Situation in Österreich überhaupt aus? Was schmerzt Sie besonders?

Köhlmeier Nicht nur in Österreich. Vor wenigen Tagen wurde in Halle an der Saale von einem rechten Fanatiker ein Anschlag auf eine Synagoge verübt. Jetzt muss man die Augen aufreißen, verdammtnochmal! Jahrelang wurde die Moral diskreditiert. Wenn jemand von Moral sprach, wurde er verspottet, als Narr bezeichnet oder als Lügner, als Gutmensch verächtlich gemacht. Zynismus galt als Zeichen von Intelligenz. Mitleid wurde kriminalisiert. Die mutige Frau Rackete wurde eingesperrt, weil sie Menschen nicht hat ersaufen lassen. NGOs, die ihr Leben für andere riskierten, mussten sich gefallen lassen, von einem geschniegelten Bundeskanzler als Wahnsinnige denunziert zu werden. Männer, Frauen, Kinder auf der Flucht, die alles verloren hatten, wurden als Verbrecher und Höhlenmenschen beschimpft, während ein Parteimitglied, das mit einem Gewehr vom Balkon auf die Straße schoss, als verständlich entrüsteter Einzelfall entschuldigt wurde. Vor den Taten stehen die Worte. Wer zu bösen Worten schweigt, der soll hinterher nicht sagen, er sei entsetzt über die bösen Taten. Man muss kein großartiger Humanist sein, wenn einem solche Entwicklungen weh tun.

 

Sie haben Ihre Tätigkeit als Schriftsteller und die Äußerungen als politisch denkender und somit besorgter Bürger hinsichtlich undemokratischer Tendenzen oder Rassismus in der österreichischen Politik stets auseinandergehalten. Bleibt das ein Prinzip?

Köhlmeier Aus einer politischen Einstellung heraus lassen sich Romane schreiben, ja, aber selten gute. Ich mag das nicht, wenn ich beim Lesen eines Romans merke, der Autor will mich agitieren, ich kann es nicht leiden, wenn ich aus dem Mund einer Romanfigur die politischen Anschauungen des Autors höre und merke, er spricht nicht zu einer anderen Romanfigur, sondern zu mir. Ein Bäcker backt ja auch keine sozialdemokratischen oder christlich-sozialen Semmeln, sondern entweder gutes oder weniger gutes Brot.

 

Wie ging es Ihnen am Abend nach der Nationalratswahl? Wie geht es Ihnen jetzt angesichts der Koalitionsverhandlungen?

Köhlmeier Ich war sehr erleichtert, dass die FPÖ so niedergekracht ist. Aber die Wünsche und Hoffnungen, die Erwartungen und Forderungen, die an diese Partei gerichtet waren, die sind ja trotzdem noch da. Es wäre leicht, all jene, die FPÖ gewählt haben oder wählen wollten und es dann doch nicht getan haben, weil deutlich wurde, wie korrupt und verlogen die sind – ja, es wäre leicht, all diese Leute für dumm zu halten oder zu Halbfaschisten zu erklären. Wenn du keine Anerkennung erfährst für das, was du tust, dann ist das bitter. Du willst Genugtuung. Jeder will das. Und wer dir Anerkennung verspricht, dem möchtest du glauben, dem möchtest du vertrauen. Und dann stehst du wieder da und siehst, die haben dich beschissen, die haben sich die Taschen vollgestopft, die haben dich nur benützt. Alles, was herauskommt bei den Koalitionsverhandlungen und nicht blau ist, ist mir recht. Die können es nicht, und das ist noch das Beste, was sich über sie sagen lässt.

 

Deutsche Theaterleiter formulierten, dass es gilt, sich gegen antidemokratische und nationalistische Strömungen zu positionieren. Sie schreiben überwiegend Prosa, aber einige Bühnenstücke gibt es und dazu kommt bald eine Uraufführung im Theater Kosmos: Haben Theater aus Ihrer Sicht ergreifbare Möglichkeiten, politisch zu agieren?

Köhlmeier Beim Schreiben und beim Lesen ist der Mensch allein. Im Theater ist man unter Menschen. Das ist per se eine politische Situation. Wie man die nützt, das hängt von denen ab, die Theater machen, und von denen, die das Theater besuchen. Ich denke, es ist gut, wenn sich ein Theater wie zum Beispiel das Theater Kosmos politisch positioniert, offen, nicht versteckt, ehrlich und klar.

 

Hubert Dragaschnig sowie Augustin Jagg positionieren ihr Theater Kosmos trotz des geringen Budgets als Ort des Diskurses. Was können wir in einem Bundesland – quasi ohne Universität – tun, damit solches Engagement stärker wirkt?

Köhlmeier Mein Vater hat sich sehr dafür eingesetzt, dass in Vorarlberg eine Universität gegründet wird. Er war so bildungshungrig! Das war schön zu sehen, ich habe ihn sehr bewundert. Bücher, Bücher, Bücher. Es hat in den siebziger Jahren in Vorarlberg eine Chance für eine Universität gegeben. Die ist nicht verpasst, sondern bewusst unterdrückt worden. Ein Theater wie das von Dragaschnig und Jagg oder das Philosophicum in Lech und eine ganze Reihe anderer Veranstaltungen sind – ja, man kann sagen Universitäten als Bürgerbewegungen. Ich wünsche mir viele solche Ambitionen für unser Land.

 

Wir leben in einem Land mit sehr vielen fähigen Kulturschaffenden, mit sehr guten Künstlern. Sehen Sie, dass diese vielen klugen Köpfe sich so weit durchsetzen können, dass es in Österreich nun wieder ein Kulturministerium gibt?

Köhlmeier Wenn in der Welt von Österreich gesprochen wird, dann meint man zuerst die Kultur – und nicht nur Mozart, Schubert, Sigmund Freud, Gustav Klimt oder Rainer Maria Rilke, sondern auch unsere gegenwärtige Kultur. Soeben ist der wunderbare Peter Handke mit dem Literaturnobelpreis geehrt worden. Es zeugt doch von einer geradezu kataklystischen Ignoranz, wenn dem nicht Rechnung getragen wird. Der vergangene Auch-Kulturminister Blümel war ein arg trübes Lichtlein.

 

Sie zu fragen, wie wichtig Empathie ist, wäre angesichts Ihrer Arbeiten vermessen. Wie kann man Empathie lernen?

Köhlmeier Durch Lesen. Ja, das denke ich. Ein Buch ist ein Fenster in den Kopf eines anderen Menschen – um meinen Vater zu zitieren. Und was ist Empathie anderes, als in den Kopf eines Menschen zu schauen?

 

Aufgrund Ihrer Auftritte als Musiker sehe ich Sie im Bereich von Blues, Rock und Jazz. Sie mögen aber doch auch klassische Musik. Welche?

Köhlmeier Alle Musik mag ich. Fast alle. Volksmusik, echte Volksmusik besonders, vom Bregenzerwälder Dreigesang bis zum Blues. Und Klassik – klar. Wer mag Mozart nicht? Also, ich mag ihn. Zur Zeit höre ich mir beim Schreiben Ouvertüren von Wagner an. Oh, das treibt merkwürdige Gefühle in mir auf … ob das gesund ist, weiß ich nicht …

 

Ihre Frau Monika Helfer, eine bekannte Schriftstellerin, ist, wie Sie mehrmals betont haben, Ihre erste Kritikerin. Sie haben auch gemeinsam Bücher verfasst. Wie steht Sie zu Ihrer Musik?

Köhlmeier Ich sitze ja fast jeden Tag eine Viertelstunde oder eine halbe Stunde im Stiegenhaus und spiele Gitarre. Monika sagt, sie hört das gern. Ich will ihr glauben. Sogar, wenn ich singe, sagt sie das. Monika ist ein sehr toleranter Mensch – und wenn man sehr tolerant ist, darf man manchmal auch ein bisschen schwindeln.

 

Wofür sind Sie besonders dankbar?

Köhlmeier Dankbar wem? Dem lieben Gott? Ja, dem bin ich dankbar. Dem bin ich dankbar, dass er es so eingerichtet hat, dass ich die Monika getroffen habe und dass sie mich genommen hat und wir beim Frühstück unser Gespräch fortsetzen, das wir vor über vierzig Jahren begonnen haben.

„Wer zu bösen Worten schweigt, soll hinterher nicht sagen, er sei entsetzt über böse Taten.“

Zur Person

Michael Köhlmeier

Schriftsteller

Geboren 1949 in Hard

Ausbildung Studium Germanistik, Mathematik, Philosophie

Werke Prosa (Romane wie „Spielplatz der Helden“, „Die Musterschüler“, „Abendland“, „Die Abenteuer des Joel Spazierer“, „Zwei Herren am Strand“, „Bruder und Schwester Lenobel“), Märchen, Erzählungen, Theaterstücke, Hörspiele, Drehbücher, Liedtexte, Werke gemeinsam mit Monika Helfer und Konrad Paul Liessmann
Auszeichnungen Österr. Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst I. Klasse, Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung, Toni-Russ-Preis, Goldenes Verdienstzeichen des Landes Wien u. zahlreiche weitere

Wohnortlebt mit seiner Frau, der Schriftstellerin Monika Helfer, in Hohenems