Slow Food kann auch literarisch ansprechend sein

Kultur / 11.10.2019 • 18:18 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Brunos GartenMartin Walker und Julia WatsonDiogenes, 349 Seiten

Brunos Garten

Martin Walker und Julia Watson

Diogenes, 349 Seiten

Ein langsamer Thriller und ein kulinarisch-literarisches Frankreich laden ein.

Romane Der Diogenes Verlag begibt sich im Rahmen seines Literaturprogramms gerne auf Abwege. Angefangen hat alles vor einigen Jahren, als die Verleger sich nicht den nächsten Kriminalroman von Donna Leon vornahmen, sondern mit „Bei den Brunettis zu Gast“ ein kleines, feines Buch über das kulinarische Erlebnis in Venedig vorlegten, passierend auf den Kochkünsten von Donna Leons Nachbarin, die die Autorin in die Romane von Commissario Brunetti einfließen ließ. Einen weiteren Schritt machte der Verlag mit „Simenon und Maigret bitten zu Tisch“, in dem die Verleger die Bistro-Rezepte der Madame Maigret abdruckten. Natürlich immer mit dem Hinweis, in welchem der unzähligen Maigret-Romane und in welcher Situation gespeist wurde. Französischer geht es nicht, dachte man, doch dann kam Martin Walker. Der Schotte ließ sich nach einem turbulenten Leben in Südwestfrankreich nieder und kreierte dort „Bruno – Chef de police“.

In großer Gelassenheit

Walker entpuppte sich als Meister der Verflechtung der Geschichte Frankreichs mit dem aktuellen Geschehen, die Kochkunst ist hier zumindest ein guter Teilchenbeschleuniger. Kurz gesagt, nach einem Walker-Roman geht man gescheiter durchs Leben als zuvor, das ist in Zeiten wie diesen schon etwas wert. Mit „Brunos Kochbuch“ gelang ihm ein überraschender Erfolg, „Brunos Garten“ wird nun nachgereicht. Das Buch ist eine Liebeserklärung an das Périgord. Dieses Buch steht fast ungewollt im Trend der Zeit. Nachhaltigkeit, ein strapaziertes Wort, wird nicht nur gepflegt, sondern gelebt. Martin Walker gibt uns den Einblick in die eher entspannte Ecke Frankreichs, wo die Enten im Garten wackeln, der Kräuteranbau ein Muss ist und aus regionalen Nahrungsmitteln in der Tat achtsam kulinarische Hochgenüsse gemacht werden. Die Fotos im Kochbuch zeugen von der reichhaltigen Flora und Fauna. Alles scheint in großer Gelassenheit stattzufinden, Slow Food im besten Sinne des Wortes. Wie die Krimis des Autors regen auch seine literarischen Kochbücher zum Nachdenken an. Fast utopisch, aber ein ausgewogenes Leben ohne große Entbehrungen auf der Grundlage von regionalen Produkten scheint möglich. Zur Abrundung gibt es noch zwei Walker-Geschichten, ausnahmsweise ganz ohne kriminelle Elemente.

Notre Dame vor dem Brand

Nach „Endgültig“ und „Niemals“ schickt der Romancier und Drehbuchautor Andreas Pflüger seine blinde Elitepolizistin Jenny Aaron mit „Geblendet“ erneut ins Rennen. Alleine der Prolog, die Begehung der noch nicht abgebrannten Notre Dame, ist diesen Thriller wert. Jenny Aaron steht vor einer großen Entscheidung: Durch eine neue Behandlungsmethode könnte sie ihr Augenlicht wiederfinden, jedoch ihre intuitiven Fähigkeiten verlieren, die sie als Agentin einer Spezialeinheit so unersetzlich machen. Andreas Pflüger beherrscht die Kunst des Thriller-Schreibens. Detailgetreue Dramatik trifft hier auf gelungene Literatur. Die Innenansicht einer erblindeten Agentin ist eine literarische Reise wert.

GeblendetAndreas PflügerSuhrkamp, 508 Seiten

Geblendet

Andreas Pflüger

Suhrkamp, 508 Seiten