Was für ein wunderbares Geflatter

Kultur / 11.10.2019 • 23:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Mit der Operette „Die Fledermaus“ von Johann Strauß feiert das Musiktheater Vorarlberg auch sein 70-Jahr-Jubiläum.  MTVO/LAMPELMAYER

Diese „Fledermaus“-Produktion ist in der Tat ein tierisches und politisch bissiges Vernügen.

Christa Dietrich

Götzis Flugsäuger oder Frosch? Wer soll sich da zwischen dem einen oder anderen Tierchen entscheiden, wenn zwischendrin auch noch ein Sittich mit kleinen zornigen Einschüben herzallerliebst zwitschert. Und dazu kommt, dass die gesamte Szenerie quasi in einem Vogelkäfig spielt, der sich einmal als Pavillon für ein amouröses Herantasten anbietet, sich für die Ballszene öffnet und im Gefängnisakt plausibel verschließt. Mit der 1874 uraufgeführten Operette „Die Fledermaus“ von Johann Strauß hat sich das Musiktheater Vorarlberg, ein Unternehmen, das von Amateurchören getragen wird und solistischen Profis Auftrittsmöglichkeiten bietet, einer ziemlichen Herausforderung gestellt, die es unter dem musikalischen Leiter Nikolaus Netzer und der erfahrenen Regisseurin Barbara Herold begeisternd meistert.

Dass man es schafft, auch noch wertvolle Musikvermittlungsaufgaben wahrzunehmen, gehört zu den besonderen Pluspunkten. Noch vor der Premiere am Freitagabend geriet eine Horde Schülerinnen und Schüler angesichts der fetzigen Melodien, der frechen Handlung und der pointierten Witze in der Götzner Bühne AmBach schier aus dem Häuschen. Und das ist kein bisschen übertrieben.

Das Orchester mit vielen bewährten Kräften hat ordentlich Drive, wobei Netzer nicht einfach auf Tempo setzt, sondern dem melodiösen Part entsprechenden Raum gibt. Wenn ab und zu noch irgendetwas scheppert, so ist das den meisten wohl wurscht und das kann einem auch wurscht sein. Im Gesamten gesehen erlebt man nämlich eine „Fledermaus“-Produktion, bei der nicht darauf Bedacht genommen wird, dass sich einzelne große Stimmen herauskristallisieren, dass ein Operetten-Feschak seinen althergebrachten Auftritt hat, sondern bei der stimmliche Harmonie herrscht. Das lässt auf eine sorgsame Besetzung mit entsprechend musikalischem Gespür schließen. Anlass für Tumult bietet ohnehin die Handlung. Vor den Feinheiten, mit der Barbara Herold die hier zeitlich etwas nach vorne gerückte Geschichte von kleinen Ausritten aus dem Eheleben und einem vielleicht nicht immer erbaulichen Alltag erzählt, seien die gesanglichen Leistungen erwähnt. Der Chor bietet eine sehr gute Basis, die sich im Laufe der Aufführungen sicher noch mit etwas mehr Kraft auflädt. Philipp Spiegel, einst ein Wiltener Sängerknabe, gefällt als kompetenter Eisenstein ohne operettenhafte Allüren, Anne Wieben (Rosalinde) aus Deutschland, die kurzfristig eingesprungen ist, setzt überaus angenehme Farbtupfer, die Schweizerin Mirjam Fässler kann sich als Orlofsky mit schlank geführter Stimme durchsetzen. Etwas Geheimnisvolles soll bleiben. Michaela Breth, am Landeskonservatorium ausgebildet, lässt als Adele an einem weiteren, guten Entwicklungsschritt teilhaben, Christian Lieb (Alfred) punktet mit tenoraler Komödiantik, Kathrin Signer (Ida), Daniel Raschinsky (Falke), Johannes Schwendinger (Frank) und Reinhard Razen (Blind) bilden ein eingeschworenes Ensemble.

Das macht ihr niemand nach

Und der Frosch? Bekanntermaßen wird das Publikum diesbezüglich bis nach der Pause auf die Folter gespannt, in Götzis aber mehr als reichlich belohnt. Die deutsche Schauspielerin Adelheid Bräu (bekannt von früheren Auftritten am Landestheater) schießt den Vogel ab. Derartig filigrane Stiche, eine derartig souveräne, zielgenaue und dabei auch leichtfüßige Einbindung von an sich wenig heiteren politischen Ereignissen (zack, zack zack, b‘soffene G‘schicht, Videofalle) macht ihr niemand nach. Alles wird nur angedeutet, jeder weiß was gemeint ist, das ist bissiger Humor erster Güte. Das Musiktheater weiß schon, was es an Barbara Herold hat. Auch die vielzitierte Verdrängung in der „Fledermaus“ („Glücklich ist, wer vergisst …“) weiß sie psychologisch spielerisch zu werten. Man kann sich kaum sattsehen. Das Satthören fällt sowieso schwer. Dazu kommt ein Bühnenbild, dessen Einzelteile man von früheren Produktionen kennt, das Hartmut Holz aber – wie erwähnt – bestens nutzt und in dem die Kostümideen von Nicole Wehinger gut zur Geltung kommen. Diese „Fledermaus“ wird man nicht vergessen, in diesem Fall macht gerade das glücklich.

Weitere Aufführungen der Operette „Die Fledermaus“ in Götzis: 13., 15., 17., 19. Oktober, jeweils 19 Uhr; 22. Oktober, 20 Uhr, Reichshofsaal Lustenau.