Zwei Brüder wie Feuer und Wasser

Kultur / 11.10.2019 • 18:18 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
BrüderJackie ThomaeHanser Verlag430 Seiten

Brüder

Jackie Thomae

Hanser Verlag

430 Seiten

Jackie Thomae stellt die Frage nach der Identität.

Roman Das Werk von Jackie Thomae (geb. 1972), das auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis nominiert ist, verleitet zur schnellen Etikettierung. Doch „Brüder“ ist bei genauerem Hinsehen kein politischer Roman. Dies ist die Geschichte der Halbbrüder Mick und Gabriel, die nichts voneinander wissen und den gemeinsamen Vater nicht kennen. Sie haben zwar die gleiche Hautfarbe, sind aber wie Feuer und Wasser und bewegen sich in gegensätzlichen Welten. Dabei starten beide von einem ähnlichen Punkt aus. Ihr senegalesischer Vater verschwindet früh aus ihrem Leben und lässt sie mit ihren jugendlichen Müttern in der DDR zurück. Beide fallen auf: Mick und Gabriel sind die Schwarzen in einer homogen weißen Gesellschaft. Nach der Wende katapultiert das Leben die Halbbrüder in unterschiedliche Richtungen. Sonnyboy Mick lässt sich im Berlin der 90er Jahre als ambitionsloser Freak zwischen Clubs und One-Night-Stands dahintreiben, während der ehrgeizige Gabriel in London zum Stararchitekten avanciert.

Stilsichere Erzählerin

Das Minderheits- und Rassismusthema schwingt zwar untergründig immer wieder mal mit, ist aber nicht dominant. In erster Linie ist es ein Familien- und Entwicklungsroman mit einem präzisen Gesellschafts­porträt der brodelnden Berliner Nachwendezeit. Die erste Hälfte erzählt in der dritten Person die Geschichte des liebenswerten, gut aussehenden Hallodris Mick, eines „Fin-de-siècle-Junkies“ und Verführers, der über keinen formalen Abschluss und Beruf verfügt und sich mit nicht immer legalen Mitteln durchwurstelt. Notorisch untreu, lebt er in einer Beziehung mit einer Juristin und verweigert sich einer Vaterschaft. Im zweiten Teil, zeitlich ein Jahrzehnt später angesiedelt, geht es um den jüngeren Bruder Gabriel. Seine Geschichte wird in Ich-Form abwechselnd von ihm und seiner Frau Fleur erzählt. Ihre Beziehung und das schwierige Verhältnis zum pubertierenden Sohn Albert stehen im Vordergrund. Die erfolgreiche Laufbahn des Workaholics Gabriel wird durch eine impulsive, rabiate Attacke auf eine seiner Studentinnen bedroht. Als sich am Ende der verschwundene Vater aus dem Senegal meldet, scheint die Möglichkeit einer Begegnung am Horizont auf. Die Autorin ist eine stilsichere und unterhaltsame Erzählerin und stark in der Personenzeichnung, allerdings an vielen Stellen leider auch ausufernd.