Walter Fink

Kommentar

Walter Fink

Willam und der Hl. Newman

Kultur / 12.10.2019 • 11:59 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Morgen ist ein besonderer Tag. Immerhin wird in Vorarlberg ein neuer Landtag gewählt. Das wäre also einerseits Anlass genug, sich mit diesem Thema zu befassen, zu überlegen, welche der antretenden Parteien für dieses Land am besten wäre, wem man selbst zutrauen würde, die eigenen politischen, sozialen oder kulturellen Vorstellungen am ehesten umzusetzen. Andererseits möchte ich aber keine Empfehlungen abgeben, da man doch den Menschen die Vernunft zugestehen sollte, dass jeder die Partei seines Vertrauens findet. Es gibt aber noch einen anderen Grund, sich heute in vollkommen anderer, unpolitischer Sache zu äußern. Morgen kann man nämlich nicht nur mit Interesse zum Wahlausgang nach Bregenz, sondern auch nach Rom, konkret in den Vatikan, blicken. Dort wird nämlich der englische Kardinal John Henry Newman (1801 – 1890) heiliggesprochen. Und da gibt es auch einen Bezug zu Vorarlberg.

Der heutige Forschungsstand zu Newman, der morgen von Papst Franziskus heiliggesprochen wird, ist nicht zuletzt Franz Michel Willam zu danken.“

Dieses Jahr wird in Andelsbuch der 125. Geburtstag des Priesters, Schriftstellers, Theologen, Volks- und Heimatkundlers Franz Michel Willam (1894 – 1981) gedacht. Willam war in Vorarlberg längst als Dichter bekannt, als er mit „Das Leben Jesu im Land und Volke Israel“ seinen ersten Bestseller veröffentlichte. In dieses Buch brachte er all sein breites Wissen ein, das er sich bei einem langen Aufenthalt im damaligen Palästina erworben hatte. Sein größtes Interesse aber galt dem theologisch-wissenschaftlichen Bereich, vor allem seinem Forschungsschwerpunkt zu Kardinal Newman. John Henry Newman sorgte als bekannter anglikanischer Gelehrter 1845 durch seinen Übertritt zum Katholizismus für Aufsehen. In der katholischen Kirche entwickelte er eine prägende Rolle als Theologe und später als Kardinal. Anfangs Kritik und Misstrauen ausgesetzt, gilt er inzwischen als „Brücke zwischen Anglikanern und Katholiken“.

Der heutige Forschungsstand zu Newman, der morgen von Papst Franziskus heiliggesprochen wird, ist nicht zuletzt Franz Michel Willam zu danken, der zeitlebens in Andelsbuch als Kaplan lebte und arbeitete. 1960 veröffentlichte er das Werk „Aristotelische Erkenntnisehre bei Whately und Newman“ (gemeint ist der britische Theologe Richard Whately), und 1969 „Die Erkenntnislehre Kardinal Newmans“. Beide Studien standen am Anfang einer großen Newman-Renaissance im 20. Jahrhundert, die Willam mit seinen Forschungen nicht unwesentlich beförderte. So gesehen war der Kaplan von Andelsbuch nicht unbeteiligt an der morgigen Heiligsprechung von Kardinal John Henry Newman.

Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.