Chorereignis von internationaler Spitzenklasse

Kultur / 14.10.2019 • 21:30 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Der Graubündner „cantus firmus surselva“ in Hohenems. JU

Die 29. Chor- und Orgeltage boten am Wochenende eine Vielfalt von Eindrücken.

HOHENEMS Kürzlich ist der prominente Kirchenmusiker Edwin Wallmann 97-jährig verstorben, der sich 1990 mit der Gründung seiner Chor- und Orgeltage ein Lebenswerk geschaffen hat. Das jährliche dreiteilige Festival hat sich im Emser Kulturleben längst zum begeistert aufgenommenen Erfolgsgaranten etabliert, bei dessen Entwicklung Wallmanns Sohn Christoph und Peter Amann als Kuratoren stets ein gutes Händchen bewiesen haben. Mit der Verpflichtung des Graubündner „cantus firmus surselva“ unter Clau Scherrer aber ist ihnen am Sonntag ein Chorereignis der internationalen Spitzenklasse geglückt. 300 Menschen in St. Karl waren total hingerissen.

Es war für den Veranstalter freilich ein Griff nach den Sternen, der sich über drei Jahre hinzog, bis auch die letzten finanziellen Dinge dank des verständnisvollen Chorleiters geklärt waren. Denn Scherrer wollte nach seinem Debüt von 2014 unbedingt wieder vor diesem Publikum und in diesem besonderen Ambiente auftreten, diesmal mit Rossinis „Petite Messe solennelle“. Das Werk ist entgegen seines Namens gar nicht „petit“, also klein, sondern ein 90-minütiges respektables Chorwerk von höchsten Ansprüchen an die 35 Sängerinnen und Sänger, die im Halbrund den Altarraum füllen. Clau Scherrer, den man im Land seit Jahren durch seine Konzerte bei Concerto Stella Matutina als eloquenten Chorleiter überaus schätzt, beweist auch hier, wie man mit minimalem Aufwand und größter Ruhe die Wirkung eines strahlend flexiblen und wortdeutlichen Chorklanges voll Präzision erzeugt, der diesem Werk gerecht wird.

Mit messerscharfer Konsequenz

Als Beispiel mag die Schlussfuge des Gloria gelten, die mit messerscharfer Konsequenz in den kontrapunktisch geführten Stimmen mit einer Klarheit und Kompetenz wie ein Blitz einschlägt. Ein tief gläubiges Credo, das im milden Licht erstrahlende Sanctus und ein eindringlich bittendes Agnus Dei ergeben ein Bild von großer Geschlossenheit, das ein tief ergriffenes Auditorium zurücklässt. Große Teile des Werkes sind auch dem Solistenquartett übertragen, das mit dem unglaublich souverän leuchtenden Sopran der am Konservatorium ausgebildeten Graubündnerin Letizia Scherrer sein Aushängeschild hat. Aber auch der tragende Alt von Barbara Erni, der höhensichere Tenor von Martin Mairinger und der erst am Konzerttag eingesprungene Bass Konstantin Ingenpass sind nicht von schlechten Eltern. Besondere Effekte ergeben sich durch die vom Komponisten gewollte ungewöhnliche Begleitung. Am Flügel fühlt sich der langjährige beliebte Konservatoriums-Professor Ferenc Bognár mit großem Einfühlungsvermögen sichtlich wohl, einem historischen französischen Harmonium von 1903 entlockt der Zürcher Mark Richli fauchende und nostalgisch wirkende Klänge.                      

Den Auftakt der Konzertreihe macht der in Lustenau wirkende Organist Michael Schwärzler mit einem sorgfältig registrierten, großteils barocken Programm an der Gollini-Orgel. Der Samstag mit gemischtem Programm als „Orgel plus“ wird zur Inszenierung, bei der durch gezielte Lichteffekte der gesamte Kirchenraum von der Empore bis zum Altar bespielt wird. So bläst der 31-jährige Bregenzerwälder Trompeter Jodok Lingg mit samtweichem Ton einen Orgelchoral von der Kanzel herab. Der einstige Meisterschüler bei Herbert Walser-Breuss am Konservatorium ist die Entdeckung des Abends in einem Programm, das zudem von der als feste Größe im heimischen Musikleben verankerten Sopranistin und Pädagogin Birgit Plankel und der herausragenden Musikerpersönlichkeit von Domorganist Johannes Hämmerle bestimmt wird.

Ein einstündiges Programm kostet die Vielfalt der Besetzungsmöglichkeiten aus, mit barocker und moderner Literatur von der Empore herab und kammermusikalisch barocken Arien im Altarraum, bei denen der Vokalpart intensiv mit der Trompete korrespondiert. Jodok Lingg meistert die Tücken seiner heiklen ventillosen Naturtrompete bravourös, Johannes Hämmerle residiert als Continuo mit Gelassenheit an der Truhenorgel. Birgit Plankel überzeugt erst mit Max Regers Lied vom schlafenden Jesuskind.      Fritz Jurmann