Für die gut gestellte Frage, welche Rolle Herkunft überhaupt spielt

Kultur / 14.10.2019 • 21:12 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Preisübergabe: Saša Stanišić mit Heinrich Riethmüller (Börsenverein Buchhandel). dpa
Preisübergabe: Saša Stanišić mit Heinrich Riethmüller (Börsenverein Buchhandel). dpa

Saša Stanišić erhält für seinen Roman „Herkunft“ den renommierten Deutschen Buchpreis.

Frankfurt/Main Der Roman „Herkunft“ von Saša Stanišić gilt als das beste Buch des Jahres. Schon 2014 hatte der aus Bosnien stammende Autor mit „Vor dem Fest“ den Preis der Leipziger Buchmesse bekommen. Der 41-Jährige erzählt in seinem Roman über seine Großmutter, die langsam das Gedächtnis verliert, über die Flucht der Familie während des Bosnien-Kriegs nach Deutschland und behandelt dabei die Frage, welche Rolle Herkunft überhaupt spielt. „Unter jedem Satz dieses Romans wartet die unverfügbare Herkunft, die gleichzeitig der Antrieb des Erzählens ist“, lautet die Begründung der Jury. „Verfügbar wird sie nur als Fragment, als Fiktion und als Spiel mit den Möglichkeiten der Geschichte.“ Der Autor beweise große Fantasie und verweigere sich „der Chronologie, des Realismus und der formalen Eindeutigkeit“. Am Ende lädt Stanišić den Leser sogar zu einem Spiel ein: Er darf selbst entscheiden, wie die Geschichte weitergeht.

Die Entscheidung über den Buchpreis traf eine siebenköpfige Jury. Die Mitglieder hatten mehr als 200 Titel gesichtet, die zwischen Oktober 2018 und Mitte September 2019 erschienen waren. Der Preis wird in einem mehrstufigen Verfahren vergeben: Erst wird eine Liste mit 20 Titeln veröffentlicht (Longlist), die später auf sechs verkürzt wird (Shortlist). Der Preis wird seit 2005 vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels vergeben. Der Sieger erhält 25.000 Euro, die fünf übrigen Autoren der Shortlist jeweils 2500 Euro. In diesem Jahr standen in der letzten Runde drei Neulinge und drei etablierte Autoren zur Wahl. Neben dem Siegertitel waren das die Romane von Raphaela Edelbauer („Das flüssige Land“), Miku Sophie Kühmel („Kintsugi“) und Tonio Schachinger („Nicht wie ihr“), sowie von Jackie Thomae („Brüder“) und Norbert Scheuer („Winterbienen“).

Kritik an Handke

Saša Stanišić hat in seiner Dankesrede den Literaturnobelpreisträger Peter Handke heftig angegriffen. Die Entscheidung aus Stockholm in der vergangenen Woche habe ihm die Freude über den Deutschen Buchpreis „vermiest“, sagte er am Montagabend im Kaisersaal des Frankfurter Römer. Stanišić stammt aus Bosnien, Handke hatte in den 1990er-Jahren für Serbien Partei ergriffen. „Ich hatte das Glück, dem zu entkommen, was Peter Handke in seinen Texten nicht beschreibt“, sagt der Autor, der 1992 nach Deutschland floh. „Dass ich hier heute vor Ihnen stehen darf, habe ich einer Wirklichkeit zu verdanken, die sich dieser Mensch nicht angeeignet hat.“