Mit Brecht auf der Bühne

Kultur / 15.10.2019 • 22:11 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Claudia Renner in der Produktion „Antigone::Comeback“ am Vorarlberger Landestheater in Bregenz.LT/Holzmann
Claudia Renner in der Produktion „Antigone::Comeback“ am Vorarlberger Landestheater in Bregenz.LT/Holzmann

Hautnah oder mit VR-Brille, aber aufschlussreich: Die neue Landestheaterpremiere.

Christa Dietrich

Bregenz Vom Regisseur angefaucht zu werden, das widerfährt dem Theaterbesucher selten. Am Dienstagabend war es so weit. Ursache war nicht, dass man irgendwie ungeschickt in eine Probe gestolpert wäre und diese gestört hätte, nein, Besucher, die zur Aufführung von „Antigone::Comeback“, der neuen, in Kooperation mit dem Ensemble Zeit+Raum realisierten Produktion des Vorarlberger Landestheaters kommen, werden zum Mitspieler. Das heißt, nicht ganz, denn mit der VR-Brille vor den Augen schlüpft man zwar in die Rolle der Antigone, zu agieren braucht man aber nicht. Dafür ist die Szenerie, die sich auftut, erst einmal grandios. Blickt man doch von der fiktiven bzw. virtuellen Bühne aus in den Zuschauerraum eines Theaters, in dessen Zentrum ein Regisseur abwertende bis aufmunternde Anweisungen gibt, der sich bei näherer Betrachtung als Bert Brecht entpuppt. Irgendwann tritt er ja an die Rampe heran oder überhaupt vor das Gesicht: Brille, Hemdjacke, schütteres Haar – die Identifizierung fällt nicht schwer.

„Antigone“ 1948 in Chur

Abgesehen davon steht der Ausgangspunkt dieser Inszenierung von Bernhard Mikeska ja fest. Im Jahr 1948 wurden Bert Brecht und Helene Weigel, damals längst ein Ehepaar, nach Jahrzehnten im Exil in Dänemark, Schweden oder den USA nach Chur geladen. Brechts Adaptierung der „Antigone“ von Sophokles wurde uraufgeführt. Es stand viel auf dem Spiel, erst später läuteten Brecht und Weigel in Berlin eine neue Theaterära ein. Helene Weigel übernahm die Titelrolle, das heißt die Rolle jener Frau, die sich gegen den Tyrannen Kreon auflehnt, dessen Terror bei Brecht in Bezug zum Nazi-Regime gesetzt wird.

Es ist etwas verwunderlich, dass Mikeska und sein Team (Alexandra Althoff, Dramaturgie, Lothar Kittstein, Text) gerade diese Thematik in einem Raum, der der damaligen kahlen Ausstattung mit den Tierköpfen entspricht, gar nicht weiter verfolgen, stattdessen wird Brecht selbst zum ziemlichen Despoten. Gut, auch das geht, je nachdem, wie weit man die virtuelle Szene an sich heranlässt, ziemlich an die Nieren. Helene Weigel hat ihm hoffentlich nicht nur in der Rolle der Antigone, sondern auch als Person Paroli geboten. Dass der Schriftsteller und Dramatiker die Frauen in seinem Team ausnutzte, ist bekannt, dass diese sich mitunter anpassten, obwohl sie ihm intellektuell locker gewachsen waren, mag Soziologen beschäftigen. Mittlerweile ist es etwas leichter, Rollenbilder zu überwinden. Auch das ist Thema dieser außergewöhnlichen Produktion, in der jeder Besucher eine exklusive Begegnung mit den Handelnden erlebt. Ganz ohne VR-Brille steht man dann ja sozusagen vor Helene Weigel, wird quasi in die Situation geworfen, die die Schauspielerin vor den jeweiligen Probenauftritten durchlebte.

In Chur wurde die Produktion „Antigone::Comeback“ bereits vor einem Jahr gespielt. Dorthin ist gestern Abend auch ein Theaterfan aus Zürich gereist. Dem Vernehmen nach hat er den Zug nach Bregenz dann noch geschafft. Das Spiel von Claudia Renner und Peter Jecklin, dieses intensive Erlebnis, dürfte auch ihn entschädigt haben.

Weitere Aufführungen am 16., 17. und 18. Oktober, ab 17.36 Uhr im Bregenzer Kornmarkttheater. Einlass alle 12 Minuten für jeweils eine Person: www.landestheater.org