Start mit starker, noch ofenwarmer Produktion

Kultur / 16.10.2019 • 23:10 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Szene aus "Else (ohne Fräulein)" von Thomas Arzt. Theater Phoenix/Walter
Szene aus „Else (ohne Fräulein)“ von Thomas Arzt. Theater Phoenix/Walter

Theaterallianz von Kosmos ermöglicht Reise durch die Bundesländer.

Christa Dietrich

Bregenz Die Fahrt nach Salzburg ist noch locker drin, aber dann wird es ziemlich aufwendig, sich ein Bild vom aktuellen Theaterschaffen in Österreich und dessen Lebendigkeit zu machen. Schon vor Jahren hat sich das Bregenzer Theater Kosmos mit gut geführten Mittelbühnen in anderen Bundesländern vernetzt. Vom Austausch, der auch schon in Autorenwettbewerben gipfelte, profitieren die Künstler und ihr Publikum generell, ein besonderer Fall tritt ein, wenn gleich mehrere Produktionen der anderen Unternehmen an einem Ort zu erleben sind.

Das geschieht nun. Das Linzer Phönix, das Schauspielhaus Salzburg, das Klagenfurter Ensemble und das Theater am Lend in Graz sind im Laufe von zwei Wochen in Bregenz zu Gast. Am gestrigen Mittwochabend konnten sich die Kosmos-Leiter Augustin Jagg und Hubert Dragaschnig davon überzeugen, wie „Else (ohne Fräulein)“ des Oberösterreichers Thomas Arzt bei den überwiegend jungen Zuschauern einfährt. Inszeniert von Florian Pilz, wurde das Stück erst vor wenigen Monaten in Linz uraufgeführt. Dass sich die noch ofenwarme Produktion bestens zur Bereicherung des Deutschunterrichts eignet, haben einige Lehrpersonen gottlob gecheckt, bekommt man doch gleich unterschwellig mitgeliefert, wie Arthur Schnitzler schon in den 1920er-Jahren das Aufkeimen des Selbst- und Körperbewusstseins eines jungen Mädchens und das pervertierte Verhalten der (männlichen) Gesellschaft in „Fräulein Else“ verarbeitete. Mit der Aufgliederung der monologisierenden Figur in drei Rollen, die von Henriette Heine, Maria Lisa Hubert und Soffi Schweighofer mit größtmöglicher Vielschichtigkeit bei dankenswertem Weglassen jeglicher Larmoyanz gespielt werden, ist ein absoluter Coup gelungen. Da wird neben der Neugier und der Unsicherheit auch so viel Verstand an die Oberfläche gespült, dass es eigentlich verwundert, dass der junge Mensch, der da den Deal eingeht, einen Blick auf den eigenen nackten Körper zu verkaufen, um den Richter des mit der Finanzjustiz in Konflikt geratenen Vaters gnädig zu stimmen, am Ende zu Fall kommt. Drei nebeneinandergereihte Hotelzimmerchen mit Balkon bilden den Schauplatz des Geschehens, den Michaela Mandel mit Videos und Bildsymbolen toll aufmotzt. Dass man nicht immer in ganzen Sätzen spricht, ist so gut eingefangen wie die Kommunikation per omnipräsentem iPhone.

Dass die Präsenz der Nacktbilder im Netz in dieser Version schließlich zur Katastrophe führt, verlagert den Inhalt etwas. Während Schnitzler den Fokus stark auf psychologische Vorgänge legt, rutscht Arzt auch ins vordergründige Moralisieren. Eine großartige Theaterproduktion ist „Else (ohne Fräulein)“ dennoch. 

Jedermann (stirbt) von Ferdinand Schmalz, Schauspielhaus Salzburg,
19. und 20. Oktober im Theater Kosmos, Bregenz
Owe den Boch von Antonio Fian
Klagenfurter Ensemble,
23. und 24. Oktober im Theater Kosmos, Bregenz
Der Sprecher und die Souffleuse von Miroslava Svolikova, Theater am Land, Graz, 26. und 27. Oktober im Theater Kosmos Bregenz