Sieg des Lebens über den Tod in der Musik

Kultur / 17.10.2019 • 14:30 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Organist Bruno Oberhammer. JU

Bruno Oberhammer und Clemens Morgenthaler boten dazu Werke aus eintausend Jahren.

HÖCHST Am Anfang war Bach, Johann Sebastian, Alpha und Omega der abendländischen Musik und im Leben des Organisten Bruno Oberhammer, der von 2007 bis 2011 in 20 Konzerten das komplette Orgelwerk des Barockmeisters in seiner Heimatgemeinde aufführte. Doch nicht genug damit. Die Folgewirkungen, die Bach mit seiner Musik ausgelöst hat, sind dort längst Thema einer weiteren Reihe unter dem Motto „Bachs Wege“. Das Dutzend wurde nun erreicht, gemeinsam mit dem Bassbariton Clemens Morgenthaler vom Landeskonservatorium und im Kontext ausgeweitet auf tausend Jahre Musikgeschichte bis herauf zu Gerold Amann.

Es ist ein philosophisch-spirituelles Programm, das Oberhammer unter das Motto „Vita et Mors“, „Leben und Tod“, dem Abend mitgegeben hat. Da ist zunächst das aufkeimende Leben mit der Oster-Sequenz im Gregorianischen Choral, wie sie Morgenthaler mit seiner voluminösen Stimme etwas zu wuchtig in den Raum setzt. Bach selbst hat dazu mit seiner vom Organisten strahlend hell registrierten, weit ausholenden Toccata und Fuge F-Dur so etwas wie eine Inkarnation geschaffen, den Sieg des Lebens über den Tod. Das ist nun Oberhammers ureigenstes Metier, in dem er sich trotz komplexer Kontrapunktik und endlosen Pedalsoli sicher bewegt wie der Fisch im Wasser. Franz Liszt hat Bachs Klangwelt am Beispiel einer Basslinie aus dessen Kantate „Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen“ in eine harmonisch stark chromatisch angereicherte Romantik weitergesponnen – Anlass für Oberhammer, tief in den Farbtopf seines Instruments zu greifen und lustvoll diese dicht ineinander verwobenen Linien zu zelebrieren.

Morgenthaler versteht es dieweil, in einem kleinen Konzert von Heinrich Schütz seinen tragenden Bassbariton wirkungsvoll abzuschlanken und mit leichtgängigen barocken Koloraturen auszustatten. Besonders verbunden fühlt sich Morgenthaler der leicht verklärten Welt des Vaduzers Joseph Gabriel Rheinberger, dessen Motette „Die Seelen der Gerechten, sie sind in der Hand Gottes“ voll Inbrunst, Wärme und auch in der großen Kirche wortdeutlich zur Wirkung kommt.          

„Exitus“ von Gerold Amann

Diese Eigenschaft bewundert man auch in Oberhammers eigenem Werk „Passio“ von 2007, bei dem der Sänger zum gekonnten Sprecher von Teilen der bedeutenden „Todesfuge“ von Paul Celan wird. Das dichte Ineinander von Orgel und Sprache mit sparsamen lautmalerischen Einwürfen ergibt den Eindruck eines kunstvoll gestrickten modernen Hörspiels von starker Eindringlichkeit. Das mit virtuosen Klangkaskaden in Messiaen-Nähe ausgestattete namensgebende Orgelwerk „Vita et Mors“ des Innsbruckers Robert Nessler bildet in seiner Explosivität einen starken Kontrast dazu und führt zu Gerold Amanns bislang letztem und radikalsten Werk, „Exitus“. Darin werden medizinische Parameter der letzten Stunden einer Frau zu musikalischen Gebilden transformiert. Sechs Jahre lang hat der Schlinser Nestor unter den heimischen Komponisten, der der Aufführung beiwohnt, dieses Werk unter Verschluss gehalten, um dessen Intimität zu wahren. Erst zu seinem 80. Geburtstag vor zwei Jahren erfolgte die Uraufführung in Bludesch, ebenfalls durch Oberhammer. Er nähert sich auch diesmal sehr behutsam dem kurzen Werk, mit überlang ausgehaltenen Tönen und verklärten Akkorden, die in ihrer ungeschönten Direktheit eine Art Brutalität erzeugen, in ihrer Verlorenheit aber mehr den Abschied von dieser Welt thematisieren als den Kampf mit dem Tod, der durch einen Quartsextakkord angedeutet wird. Fritz Jurmann