Die Löwen gebändigt

Kultur / 18.10.2019 • 13:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Raphaela Vogel vor ihrer Skulptur „In festen Händen“. VN/Hartinger, KUB/Tretter, Vogel

Die Künstlerin Raphaela Vogel bewältigt das Kunsthaus Bregenz mit enormer Erzählkraft.

Christa Dietrich

Bregenz Mit „Bellend bin ich aufgewacht“ ist die Ausstellung übertitelt. Wer nachfragt, was vor der Lautäußerung ablief oder ob mit dem Bellen eine Abwehrhaltung verbunden ist, erfährt im Gespräch mit Raphaela Vogel Bestätigung möglicher Assoziationen, durchzogen mit der Bemerkung, dass mit dem Bellen auch Freude zum Ausdruck kommt. Wenn man dann das Kunsthaus Bregenz betritt, dieses Haus mit den vier übereinandergestapelten Ebenen, die die aus Nürnberg stammende Künstlerin (geb. 1988) als Herausforderung betrachtete, nachdem Direktor Thomas D. Trummer sie als jüngste Protagonistin eingeladen hatte, ist dieses Gefühl auch da. „In festen Händen“ heißt die Installation, der im Foyer ein derart perfekter Platz zugeordnet wurde, dass es kein Thema mehr sein kann, dass mit den zwei hängenden Bronzelöwen vor drei Jahren die Tragkraft einer Krankatze in einer Motorenhalle in Dresden ausgelotet wurde. Die Tiere, die mit aufgerissenem Maul ihre Macht demonstrieren und mit den Pranken eine Schlange im Zaum halten, verharren zwar im Angriffsmodus, an den Hinterläufen aufgehängt, wird ihr Machtgehabe aber zur nutzlosen Pose. Aus zwei Lautsprecherkugeln, die sie wie Nasenringe tragen, tönt der Schlager „Hurra, wir leben noch“, gesungen mit feiner Stimme von der Künstlerin selbst. Wie viel Druck der Mensch ertragen kann, wird da gesagt. Ängste und Anforderungen, denen wir uns zu stellen haben, thematisiert Raphaela Vogel immer wieder. Sie selbst hat die Löwen jedenfalls gebändigt und spielt mit dieser Arbeit auch auf Motive in der Kunstgeschichte an.

Rollenbilder differenziert zu betrachten, ist ihr Anliegen, das in mehreren Videoinstallationen mit enormer Erzählkraft deutlich wird. Die auch in der Gegenwartskunst und vor allem im Film oft auftauchende Spinne ist bei Raphaela Vogel nicht nur furchteinflößend und zugleich fruchtbares Muttertier, beim überdimensioniert dargestellten, ziemlich bunten Gliederfüßler darf man auch an ein Selbstporträt denken. Als Vogelspinne, die einen Raum besetzt, gebiert die Schöpferin also Kunst, die sie, wie das Werk „Puppenruhe“, diese Installation mit Puppen und Aluminumträger, zeigt, in ein Ordnungsgerüst bringt. Und was könnte eine größere Prüfung sein, als sich auf einem winzigen Felsen der Meeresbrandung auszusetzen. Raphaela Vogel, die sich bei ihren Videos die Drohnentechnik souverän zunutze macht, hält ihr stand.

Towerbridge und Riesenrad

Dass das Kunsthaus Bregenz mittlerweile eine fixe Nummer im Sightseeingparcours in Europa ist, steht außer Frage. Im eigens dafür geschaffenen Werk finden wir Minimundus-Modelle von der Londoner Towerbridge, dem Pariser Triumphbogen, der Berliner Siegessäule, der Dresdner Frauenkirche (entstanden lange vor dem Wiederaufbau) oder des Wiener Riesenrads. Halbverwittert, sind diese Bauwerke durch Rohre miteinander verbunden, die in eine Art Atomium münden. In Anlehnung an einen Film von Helke Sander aus den 1980er-Jahren, in dem eine Frau mit zwei Kleinkindern aus Protest gegen nicht mehr leistbare Mieten auf einen Baukran klettert, sehen wir Raphaela Vogel in ihrer neuen Videoarbeit auf einem Gerüst. Ein Pudel taucht als Gefährte auf. Er heißt Rollo, wie jener Hund, der im Roman „Effi Briest“ als einziges Wesen der jungen Frau, die aus einem engen gesellschaftlichen Korsett ausgebrochen ist, die Treue hält. Übrigens: Löwenskulpturen mit Schlangen findet man gelegentlich vor Gerichtsgebäuden. Dort, auf den Podesten, sind es Männchen, die die Jungen schützen, in Wirklichkeit sind es die Weibchen.

Eröffnung am 18. Oktober, 19 Uhr, zu sehen bis 6. Jänner 2020, Di bis So, 10 bis 18 Uhr, Do, 10 bis 20 Uhr; Vinyl-Convention am 27. Oktober und weitere Rahmenveranstaltungen: www.kunsthaus-bregenz.at