Literatur bewegt wieder

Kultur / 18.10.2019 • 18:48 Uhr / 6 Minuten Lesezeit

Die Frankfurter Buchmesse 2019 erscheint ganz in Rot-Weiß-Rot.

Frankfurt/Main Es wäre Zeit – literarisch gesehen –, wieder einen österreichischen Jahrhundertherbst auszurufen. Auch wenn das Gastland Norwegen zu Beginn der Frankfurter Buchmesse großes mediales Interesse erzeugte, indem es seine weltberühmten Autoren wie Karl-Ove Knausgård, Maja Lunde oder Jostein Gaarder in Begleitung von Kronprinzessin Mette-Marit per Literaturzug anreisen ließ, war das spätestens seit der Bekanntgabe des Nobelpreises für Literatur nur mehr Makulatur. Peter Handke holte die Auszeichnung nach Österreich, und seit der Buchpreisrede von Saša Stanišić gehen die politischen Wogen hoch, bis hin zur „Journalistenbeschimpfung“ Handkes – frei nach seinem berühmten Theaterstück – kürzlich im kärntnerischen Griffen. Literatur bewegt wieder!

Edelbauer, Schmidt, Köhlmeier

Dabei gäbe es noch viel mehr, worüber man reden könnte. Etwa über die zahlreichen auf der Long- und Shortlist des Deutschen Buchpreises vertretenen österreichischen Autoren wie Angela Lehner („Vater unser“), Andrea Grill („Cherubino“), Tonio Schachinger („Nicht wie ihr“), Marlene Streeruwitz („Flammenwand“), Raphaela Edelbauer („Das flüssige Land“) und Eva Schmidt („Die untalentierte Lügnerin“). Letztere ist nicht der einzige Vorarlberger Beitrag zur Buchmesse: Michael Köhlmeier feiert seinen siebzigsten Geburtstag und legt mehrere neue Bücher vor, darunter ein 816 Seiten starkes Werk, das er schlicht „Die Märchen“ nennt. Das Buch gibt es im Buchhandel auch als prächtige Schmuck-Ausgabe im Schuber.

In mehrerlei Hinsicht bemerkenswert ist das Debüt von Tonio Schachinger, der mit „Nicht wie ihr“ das Leben eines Profifußballers mit Migrationshintergrund in den Mittelpunkt rückt. Sein Ivo flucht laut und derb und lebt ein Luxusleben als Millionär, auch wenn ihn das Trauma der Armut – er kommt aus einfachen Verhältnissen – ein Leben lang nicht loslässt. Durch eine Affäre mit seiner Jugendliebe gerät sein eigentlich perfektes Leben mit Frau und Kind aus den Fugen. Österreichs äußerst unterhaltsamer Beitrag zur Europameisterschaft; vielleicht nicht der einzige, denn die Nationalmannschaft schickt sich derzeit wieder einmal an, sich zu qualifizieren. Wie gesagt: eine Jahrhundertherbst in Rot-Weiß-Rot.

Platzgumer, Beer, Schrott

Der Wahl-Vorarlberger und ehemalige Rockstar Hans Platzgumer – 2016 für „Am Rand“ ebenso für den Deutschen Buchpreis nominiert wie Eva Schmidt für „Ein langes Jahr“ – schaut zu seinem Fünfzigsten in „Willkommen in meiner Wirklichkeit!“ auf sein Leben zurück. Wie skurril die Wirklichkeit des Literaturbetriebs sein kann, erzählt Raphaela Edelbauer, deren Roman „Das flüssige Land“ zwar nicht den Deutschen Buchpreis gewonnen hat, aber immer noch auf der Shortlist für den Österreichischen Buchpreis steht (beide Nominierungen in einem Jahr gelangen vor ihr nur Robert Menasse). Im Gespräch stöhnt Edelbauer ein wenig über die lange Lesereise, auf die sie ihr Verlag in den kommenden Wochen und Monaten schickt, auch wenn sie die Aufmerksamkeit für ihr Buch genießt. Am Dienstag noch in Frankfurt, jettete die Autorin am Mittwoch für eine Lesung nach Innsbruck. Selbst eine Buchhandlung in Südafrika wollte Edelbauer für eine Veranstaltung buchen, was sie aber ablehnte. Ganz abgesehen vom ökologischen Fußabdruck einer so lange Flugreise für eine einzige Lesung kam es Edelbauer mehr als befremdlich vor, in einem Land, in dem nach wie vor die Rassentrennung gesellschaftlicher Alltag ist, vor vermutlich rein weißem Publikum zu lesen. Ja, Literatur ist immer auch politisch, das erfährt dieser Tage nicht nur Peter Handke.

Besser, man beschränkt sich noch ein wenig auf die Litanei, diesen rot-weiß-roten Jahrhundertherbst der Literatur zu feiern: mit Büchern etwa vom Wahl-Bregenzerwälder Raoul Schrott (der mit seinem neuen Roman „Eine Geschichte des Windes oder Von dem deutschen Kanonier der erstmals die Welt umrundete und dann ein zweites und ein drittes Mal“ den Preis für den längsten Buchtitel einheimsen könnte), von Robert Prosser (nach „Phantome“, das 2017 auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis war, ist nun sein neuer Roman „Gemma Habibi§ erschienen) oder Tanja Raich (in „Jesolo“ entführt die Exil-Südtirolerin, die auch den Verlag Kremayr & Scheriau leitet, nur scheinbar in das Urlaubsparadies der Österreicher, sondern erzählt von den Zweifeln einer werdenden Mutter).

Auch Bernhard Aichner legt zur Messe mit „Der Fund“ einen neuen Bestseller vor, und das nächste Woche beginnende Krimi-Festival verleiht den Österreichischen Krimipreis an Alex Beer, die man als Autorin auch unter ihrem Taufnamen Daniela Larcher kennt. Der Krimi rund um den Juden Isaak Rubinstein, der sich aus Angst um seine Familie als Gestapo-Mann ausgibt, erscheint allerdings erst im November. Gebürtig ist die Autorin übrigens aus Lustenau.

Noch ein Wort zur Leseförderung, wo doch der Branchentreff heuer einmal mehr sich selbst feiert mit vielen lesenswerten Büchern, die noch mehr Leserinnen und Leser finden werden. Das oft schon totgesagte Medium Buch lebt, es wird mehr gelesen denn je. Ein Blick in die Bestseller-Liste bei Amazon verrät dann auch, dass Buchpreisträger Saša Stanišić mit seinem Roman „Herkunft“ auf dem zweiten Platz steht – getoppt nur vom jahrelangen Bestseller „Bürgerliches Gesetzbuch BGB“, das heuer zur Messe in der 84. Auflage erscheint. Vielleicht nur eine Momentaufnahme, oder ein Ratschlag. Der nächste Thriller von Bernhard Aichner dreht sich dann vielleicht um eine Verschwörung rund um das BGB, rasant erzählt, wie immer!

Die Frankfurter Buchmesse, mit rund 7500 Ausstellern die größte der Welt, ist noch bis Sonntag geöffnet. APA
Die Frankfurter Buchmesse, mit rund 7500 Ausstellern die größte der Welt, ist noch bis Sonntag geöffnet. APA