So, dass der Adler bleiben kann

Kultur / 18.10.2019 • 21:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Universität Innsbruck stellt sich der Geschichte. Künstler Flatz gewann Gestaltungswettbewerb.

Christa Dietrich

Innsbruck Welche Ehre, welche Freiheit, welches Vaterland? Vor der Universität in Innsbruck werden wieder Fragen gestellt, und zwar genau dort, wo jahrzehntelang ein Denkmal aus nachvollziehbarem Grund für Unmut sorgte, das aus einer Zeit stammt, in der Fragenstellen zuerst unerwünscht war und dann ohnehin mit Gefängnis oder Tod bestraft wurde. Im Zuge der Aufarbeitung der Geschichte der wissenschaftlichen Einrichtung rund um den 350. Jahrestag im Oktober, wurde nicht nur eine Publikation erarbeitet, sondern auch ein Wettbewerb zur Umgestaltung des Denkmals vor dem Hauptgebäude ausgeschrieben. Gewonnen hat ihn der aus Vorarlberg stammende, mit seinen Arbeiten in internationalen Sammlungen vertretene und mittlerweile in München lebende Künstler Wolfgang Flatz. Zehn Künstler wurden eingeladen, sechs haben Projekte eingereicht, die Jury, besetzt unter anderem mit dem Kunsthistoriker Christoph Bertsch und dem Historiker Dirk Rupnow, hat den Entwurf von Flatz auf den ersten Platz gereiht. Er wurde umgesetzt.

Ein Satz von Karl Marx, nämlich „Kunst ist nicht der Spiegel, den man der Gesellschaft vorhält, sondern der Hammer, mit dem man sie gestaltet“, beschreibe seine Haltung, hält Flatz fest. Sein Entwurf setzt auf gute Sichtbarkeit wie Lesbarkeit. Er nimmt ebenso Bezug auf den Ort wie auf eine Graffiti-Ästhetik, die die Intuition oder den Moment der Idee abbildet, lässt die schriftliche und bildliche Intervention aber mit großer Genauigkeit und Nachhaltigkeit ausführen. Die am einst von Lois Welzenbacher entworfenen Kriegerdenkmal aufscheinenden, ideologisch aufgeladenen Begriffe Ehre, Freiheit, Vaterland wurden nicht verdeckt, wie das in den letzten Jahren im Rahmen verschiedener Aktionen immer wieder geschehen ist, sie wurden aber jeweils mit dem Wort „welche“ ergänzt – in roter Farbe.

Vergangenheit und Gegenwart

„Deutschland, dein Reich komme“, hatte Theodor Rittler, Prorektor der Universität Innsbruck, damals bei der Enthüllung im Juli 1926 ausgerufen. Flatz, in dessen OEuvre sich einige kritische Statements zu Diktatur, Faschismus und Gedenkkultur befinden, holt die Vergangenheit in eine Gegenwart, in der die Gefahr, die der Nationalismus in sich birgt, keinesfalls gebannt ist, er dokumentiert aber den mittlerweile differenzierten Umgang. Unter dem Adler, dessen Funktion als Symbol für Stärke bis in die Antike zurückreicht, liegt nun eine weiße Rose. Das erscheint wie eine Friedensgeste, erinnert zugleich aber auch an die Tatsache, dass das Schicksal der Mitglieder der Widerstandsgruppe gegen die Diktatur des Nationalsozialismus, „Weiße Rose“, in Verbindung zur Universität stand. Christoph Probst war hier Medizinstudent. Er wurde verhaftet und hingerichtet. Erst  seit den 1990er-Jahren wird seiner in Innsbruck öffentlich durch eine Platzbenennung gedacht, erst jüngst wurde die damals vorgenommene Exmatrikulation symbolisch aufgehoben. Flatz hat nun vieles sowie auch diesen Akt stärker wahrnehmbar gemacht.

Das von Flatz umgestaltete, 1926 errichtete Denkmal von Lois Weizenbacher vor der Universität in Innsbruck wirft Fragen auf, weckt Interesse. M. Sorko
Das von Flatz umgestaltete, 1926 errichtete Denkmal von Lois Weizenbacher vor der Universität in Innsbruck wirft Fragen auf, weckt Interesse. M. Sorko
Künstler Flatz nimmt in seinem Werk Bezug auf die Vergangenheit. VN/Paulitsch
Künstler Flatz nimmt in seinem Werk Bezug auf die Vergangenheit. VN/Paulitsch