Das ist einfach Weltklasse

Kultur / 20.10.2019 • 20:32 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Die Südkoreanerin Jasmine Choi ist nun an jenen Platz vorgerückt, an den sie eigentlich gehört, nämlich als Solistin vor das Orchester. SOV/Hofmeister
Die Südkoreanerin Jasmine Choi ist nun an jenen Platz vorgerückt, an den sie eigentlich gehört, nämlich als Solistin vor das Orchester. SOV/Hofmeister

Flötistin Jasmine Choi und Dirigent Bruno Weil sorgten beim Symphonieorchester Vorarlberg für Furore.

FELDKIRCH, Bregenz Erst im Frühjahr hat sie im Symphonieorchester Vorarlberg bei Mahlers Achter unter Petrenko über ausdrücklichen Wunsch des Maestro das erste Flötenpult beim SOV besetzt. Beim zweiten Abokonzert im Montforthaus ist die junge Südkoreanerin Jasmine Choi (36) nun an jenen Platz vorgerückt, an den sie eigentlich gehört, nämlich als Solistin vor das Orchester und damit in einer Reihe mit vielen bekannten Musikern, die hier bereits gastiert haben. Ihre Leistung spricht für sich und macht sie auch hier sofort zum allseits bewunderten und gefeierten Mittelpunkt dieses Konzertabends.

Wie sie vor dem Orchester steht, strahlt sie eine gestalterisch-musikalische Überzeugungskraft aus. Das von Choi gewählte Konzert D-Dur des vergessenen Carl Reinecke, ein Stück Romantik pur, ist längst beliebter Standard unter Flötisten, bedeutet für sie scheinbar aber nichts weiter als einen lockeren Abendspaziergang an der Ill. Es ist auch eine Art Heimspiel, da Jasmine Choi Vorarlberg zum Lebensmittelpunkt erwählt hat. Sie kommt ganz ohne Noten aus, kann damit musikalische Höhepunkte effektvoll mit ihrer Körpersprache und ihrer Mimik unterstreichen und dabei die ganze Palette ihrer Gestaltungsvarianten auspacken: das geheimnisvoll dunkle Timbre im Mittelsatz gegen die atemberaubende Virtuosität in der Stretta des Finales. Über blühenden Ton, blitzsaubere Technik braucht man nicht zu diskutieren – das ist einfach Weltklasse.

Reinecke und der alte Fuchs

Im deutschen Dirigenten-Altmeister Bruno Weil (69) hat Choi einen ebenbürtigen Partner, den nichts und niemand aus der Ruhe bringen kann. Er koordiniert ohne großen Aufwand das komplexe Miteinander von Solistin und Musikern, die der einstigen Kollegin begeistert assistieren. So wie er Reinecke bewältigt, wird er selber sprichwörtlich zum alten Fuchs.

Begonnen hat das Konzert mit dem sprachlichen Ungetüm von „Ouvertüre, Scherzo und Finale“ von Robert Schumann, einer verkappten dreisätzigen Symphonie, die nicht nur deswegen wohl zu recht wenig bekannt geblieben ist. Das Werk des damals jung verliebten Komponisten besitzt zwar eine freundliche Ausstrahlung, bleibt dabei aber seltsam nichtssagend. Weil und das SOV machen daraus eine nette Einstimmung.

Dafür gibt es zum Finale noch einen orchestralen Glanzpunkt mit Haydns Symphonie Nr. 31, D-Dur, „Mit dem Hornsignal“, einer der originellsten unter einhundert Werken. Die früher gern verwendete Verniedlichung des Komponisten als „Papa Haydn“ kann man sich bei Klassik-Spezialist Bruno Weil getrost abschminken, so wie er dieses Stück in konsequenter Werktreue mit leicht barockem Touch (Cembalo) angeht und Haydn dabei ordentlich die Sporen gibt. Da ist nichts mehr in wohlige Glätte gehüllt wie dereinst vielleicht zur Entstehungszeit auf Schloss Esterházy, da geht es knackig zur Sache, Haydn zum Aufwecken und nicht zum Einschlafen. Und dennoch nimmt sich Weil die Zeit, das wunderbar zarte Adagio oft ganz leise auszuzieren und das Menuett danach umso schwungvoller draufzusetzen. Die Musiker ziehen wie an einem unsichtbaren Strang mit, wohl auch, weil sie im Variations-Finale auch dankbare solistische Aufgaben erhalten, vom fabulösen Konzertmeister Pawel Zalejski über Flöte, Oboen, Cello bis zum Kontrabass. Natürlich gibt es in diesem Werk nicht nur das eine Hornsignal, viele einkomponierte Jagdsignale ziehen sich durch das ganze Werk und fordern das Hornquartett extrem, das imponierend und fast kiecksfrei seine Vorzüge zeigt. Dieses Paket aus Kraft und Konzentration erfasst sehr rasch auch das Publikum: Es ist selten einmal während der Musik so wenig gehustet worden wie an diesem Abend, dafür umso freudiger applaudiert.

Rundfunkwiedergabe: 11. und 18. November, 21.05 Uhr, Radio Vorarlberg; Drittes Abokonzert, 30. November, Feldkrich, 1. Dezember, Bregenz; Leitung: Gérard Korsten.