Flötistin als gefeierter Mittelpunkt

Kultur / 20.10.2019 • 19:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Jasmine Choi mit Musikern des Symphonieorchesters Vorarlberg und dem Dirigenten Bruno Weil. SOV/BERND HOFMEISTER

Jasmine Choi und Altmeister Bruno Weil sorgten beim SOV für Furore.

FELDKIRCH Erst im Frühjahr hat sie im Symphonieorchester Vorarlberg bei Mahlers „Achter“ unter Petrenko auf ausdrücklichen Wunsch des Maestros das erste Flötenpult beim SOV besetzt. Beim zweiten Abokonzert im Montforthaus ist die Südkoreanerin Jasmine Choi (36) nun an jenen Platz vorgerückt, an den sie eigentlich gehört, nämlich als Solistin vor das Orchester und damit in einer Reihe mit vielen bekannten Musikern, die hier bereits gastiert haben. Ihre Leistung spricht für sich und macht sie auch hier sofort zum allseits bewunderten und gefeierten Mittelpunkt dieses Konzertabends.

Wie sie vor dem Orchester steht, strahlt sie eine gestalterisch-musikalische Überzeugungskraft aus. Das von Choi gewählte Konzert D-Dur des vergessenen Carl Reinecke, ein Stück Romantik pur, ist längst beliebter Standard unter Flötisten, bedeutet für sie scheinbar aber nichts weiter als einen lockeren Abendspaziergang an der Ill. Es ist auch eine Art Heimspiel, da Jasmine Choi Vorarlberg seit einigen Jahren zum Lebensmittelpunkt erwählt hat. Sie kommt ganz ohne Notenpult aus, kann damit musikalische Höhepunkte effektvoll mit ihrer Körpersprache und ihrer Mimik unterstreichen und dabei die ganze Palette ihrer Gestaltungsvarianten auspacken: das geheimnisvoll dunkle Timbre im Mittelsatz gegen die atemberaubende Virtuosität in der Stretta des Finales. Über blühenden Ton, blitzsaubere Technik braucht man nicht zu diskutieren – das ist einfach Weltklasse.

Reinecke und ein alter Fuchs

Im deutschen Dirigenten-Altmeister Bruno Weil (69) hat Choi einen ebenbürtigen Partner, den nichts und niemand aus der Ruhe bringen kann. Er koordiniert ohne großen Aufwand das komplexe Miteinander von Solistin und Musikern, die der einstigen Kollegin begeistert assistieren. So wie er Reinecke bewältigt, wird er selber sprichwörtlich zum alten Fuchs.          

Begonnen hat das Konzert mit „Ouvertüre, Scherzo und Finale“ von Robert Schumann, einer verkappten dreisätzigen Symphonie, die nicht nur deswegen wohl zurecht wenig bekannt geblieben ist. Das Werk des damals jung verliebten Komponisten besitzt zwar eine freundliche Ausstrahlung, bleibt dabei aber seltsam nichtssagend und oberflächlich. Weil und das SOV machen daraus eine nette Einstimmung in den Abend.  

Dafür gibt es zum Finale noch einen orchestralen Glanzpunkt mit Haydns Symphonie Nr. 31, D-Dur, „Mit dem Hornsignal“, einer der originellsten unter 100 Werken. Die früher gern verwendete Verniedlichung des Komponisten als „Papa Haydn“ kann man sich bei Klassikspezialist Bruno Weil getrost abschminken, so wie er dieses Stück in konsequenter Werktreue mit leicht barockem Touch (Cembalo) angeht und Haydn dabei ordentlich die Sporen gibt. Da ist nichts mehr in wohlige Glätte gehüllt wie dereinst vielleicht zur Entstehungszeit auf Schloss Esterházy, da geht es knackig zur Sache, Haydn zum Aufwecken und nicht zum Einschlafen. Und dennoch nimmt sich Weil die Zeit, das wunderbar zarte Adagio oft ganz leise auszuzieren und das Menuett danach umso schwungvoller draufzusetzen. Die Musiker ziehen wie an einem unsichtbaren Strang mit, wohl auch, weil sie im Variationsfinale auch dankbare solistische Aufgaben erhalten, vom famosen Konzertmeister Pawel Zalejski über Flöte, Oboen, Cello bis zum Kontrabass. Natürlich gibt es in diesem Werk nicht nur das eine Hornsignal, viele einkomponierte Jagdsignale ziehen sich durch das ganze Werk und fordern das Hornquartett extrem, das imponierend und fast kiecksfrei seine Vorzüge zeigt. Dieses Paket aus Kraft und Konzentration erfasst sehr rasch auch das Publikum: Es ist selten einmal während der Musik so wenig gehustet worden wie an diesem Abend, dafür umso freudiger applaudiert. Fritz Jurmann

Rundfunkwiedergabe: 11. und 18. November, 21.05 Uhr, Radio Vorarlberg; drittes Abokonzert am 30. November, Feldkirch, und 1. Dezember in Bregenz. Leitung: Gérard Korsten.