Kunstraum Dornbirn: Das passt wie angegossen

Kultur / 24.10.2019 • 11:10 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Kunstraumleiter Thomas Häusle und Herta Pümpel mit Skulpturen von Bruno Gironcoli in der Montagehalle in Dornbirn.  VN/HARTINGER

Kunstraum Dornbirn präsentiert Arbeiten des großen Österreichers Bruno Gironcoli (1936-2010).

Christa Dietrich

Dornbirn Als Kasper König als bestellter Kommissär im Jahr 2003 den Österreich-Pavillon auf der Biennale Venedig Bruno Gironcoli überließ, war jedem klar, dass es höchst an der Zeit ist, dem Bildhauer und Maler dieses internationale Podium anzubieten. Gironcoli zählte zu jenen Österreichern deren Werk bis dahin zwar gut präsent war, dem fast eine ganze Künstlergeneration aufgrund seiner Lehrtätigkeit Inspiration und Karriere verdankt, der bei der Auswahl für derart exponierte Plattformen aber stets übergangen wurde.

Mittlere und ältere Semester unter den Kunstfreunden in Vorarlberg dürften sich auch noch daran erinnern, dass Wolfgang Fetz einen repräsentativen Auszug aus seinem Werk für eine große Sommerausstellung im Palais Thurn und Taxis in Bregenz auserkor. Das war im Jahr 1995. Seitdem begegnete man hierzulande einzelnen seiner Arbeiten, meist Mischtechniken, in Galerien und nicht zuletzt beruft sich der Vorarlberger Künstler Christoph Lissy gerne darauf, wie viel er seinem einstigen Professor verdankt.

Einem der wichtigsten Bildhauer seiner Generation begegnete man heuer in der Kunsthalle Schirn in Frankfurt. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Kunstraum Dornbirn bereits angekündigt, von seinem Konzept einmal abzuweichen und den Kunstraum, das heißt den Montageraum bei der Inatura, mit seiner einzigartigen Aura einmal nicht von einem Zeitgenossen eigens bespielen zu lassen, sondern einzelne Arbeiten von Bruno Gironcoli zu präsentieren. Für Kunstraumleiter Thomas Häusle ist die Begegnung derart essenziell, dass sie in Vorarlberg bald 25 Jahre nach der Ausstellung in Bregenz wieder einmal erfolgen sollte, die Örtlichkeit in Dornbirn sei prädestiniert dafür und aus der Tatsache, dass man lauter Güsse ausgewählt hat, ließe sich ein Anknüpfungspunkt ableiten – auf dem ehemaligen Fabriksareal wurde einst nämlich gegossen, was das Zeug hält.

Sonderstellung

Mit „Casted Enigma“ (gegossenes Rätsel) ist die Schau betitelt und damit wird angedeutet, dass die Großskulpturen von Gironcoli zwar unweigerlich Assoziationen hervorrufen, dass diese vom Künstler selbst aber nicht konkret gelenkt werden. Interpretationen der Skulpturen sind immer rein subjektiv. Ein Konsens kann somit nur hinsichtlich eines grundsätzlichen Themas gefunden werden: Gironcoli beschäftigt sich mit dem Menschen, mit der Natur, mit den Dingen, mit der Konfrontation des Individuums mit seiner Umgebung und seiner Gedankenwelt. Nicht einmal Titel wie „Die Ungeborenen“ oder „Ein Körper, zwei Seelen“ und „Flammenkranz mit Baby“ sind unbedingt weiterführend. Im Kunstraum sind Arbeiten aus den Jahren 1996 bis 2008 vertreten. Existenzielles wie die Sehnsucht nach Geborgenheit, Ängste, Schmerz, aber auch Selbstbehauptung lassen sich aus diesen Figurenkonstellationen in menschlicher, floraler, aber auch rein technischer oder gar humorvoller Formensprache herauslesen. Hat ein Körper, der zu einem Spitz ausläuft wirklich etwas Bedrohliches, Gefährliches oder zeigt sich in der Form nur, dass der Mensch in einem sehr frühen embryonalen Entwicklungsstadium nicht nur Ähnlichkeiten zu einem Säugetier, sondern auch zu einem Vogel aufweist? Gironcolis Arbeiten bewegen, sie dokumentieren formal bildhauerisch seine Sonderstellung in der Kunst des späten 20. Jahrhunderts und passen dennoch wie angegossen hierher.

Bruno Gironcoli

Lebensdaten Geboren 1936 in Villach, gestorben 2010 in Wien

Werdegang Studium an der Akademie für angewandte Kunst in Wien, Leiter der Bildhauerschule an der Angewandten

Ausstellungen Vertreter Österreichs auf der Biennale Venedig 2003, vertreten in zahlreichen Museen und Sammlungen im In- und Ausland, zuletzt Ausstellung im Mumok in Wien und in der Kunsthalle Schirn in Frankfurt

Preise u. a. Österreichisches Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst, Großer Österreichischer Staatspreis

Eröffnung am 24. Oktober, 20 Uhr, geöffnet vom 25. Oktober 2019 bis 2. Februar 2020 im Kunstraum Dornbirn (Jahngasse 9), täglich von 10 bis 18 Uhr.