Gigolo

Kultur / 24.10.2019 • 18:02 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Die fehlende Interpunktion ist ein Stilmittel der Autorin Katharina Klein. VN/RP
Die fehlende Interpunktion ist ein Stilmittel der Autorin Katharina Klein. VN/RP

Sein Kiefer knackte im Rhythmus mit der Glühbirne die flackerte über den Kellnerinnen die ihn jedes Mal mit einem anderen Namen ansprachen Er hatte sich noch nie vorgestellt in dieser Bar wo man rauchen durfte was wichtig war rauchte er rote Gauloises die vor kurzem noch in Frankreich produziert worden waren was wichtig war ungefähr 23 an einem Abend an diesem die Vierzehnte äschert er ab neben den Aschenbecher ins Bierglas hinein und muss über sich selbst lachen wie die Frauen an ihm vorbeigingen sich an den anderen Tisch setzten zu ihm nur die etwas Älteren die dachten er wäre ihre Alterskohorte wie er aussah mit den Falten in der Stirn die ihm schon in den Haaransatz wuchs was man nicht sehen konnte unter seinem Hut den er tief hineinzog ins Gesicht und was man nicht sehen konnte im Gesicht

Drei Sätze aus einem Buch als einziges zu Ende gelesen die alle das Selbe sagten sowas ganz Banales unterstrichen fielen ihm ein und warum er nur gelb trug wieder was half obwohl sie ihm das nicht gesagt haben damals wie er ausgehen hat wusste er nicht mehr Es war ja dunkel Jetzt im Hellen der Glühbirne das Flimmern beendet wenn er lachte nur noch das feine Zucken in den Falten die sich gegen ihre Richtung sträubten in einer Andeutung mit der er zur Kellnerin sagte Noch ein Bier bitte und dabei lächelte aus dem Bauch raus als hätte er nie was anderes gemacht mit den Frauen die er liebte nämlich alle mit den Händen aber ganz vorsichtig nur mit dem Herzen gebrochen für das er eigentlich einen Bypass gebraucht hätte und kam zur Fünfzehnten

Für die anderen Wann kommen die endlich dachte er laut und dass er so aussehen musste wie sein Vater abends in seiner Bar der alleine trank nach seinem ersten Schlaganfall weniger und bestellte sich deshalb lieber noch einen Espresso zum Bier War er der der den Kalk aus dem Wasserkocher mit hinunter spülte der der wäre er Seefahrer geworden auch auf Kartoffelschalen Mittagsschlaf hielte aber auch der der wusste was Obefräsen waren und wie man damit Fingernägel schnitt oder aus ihnen Papierblumen nur eben nicht aus Papier Für sich er war bescheiden der der Schüttelreime mochte Kreisky den Politiker nicht die Bar Kreisky die Bar nicht den Politiker die Anfänge des HipHop und ihr Ende nicht Ein Weicher wie er sagen würde weißt du was ich meine wie er sagen würde Du hast da was sagte die Kellnerin aber zu ihm und zeigte auf seine Nase die er einen momentlang für das was hielt mit den Fingern drüber fuhr unschlüssig ob er sie durch seinen Daumen tauschen sollte das kleine Kind das er doch war als was abblätterte das dieses was war Farbe oder Sägespäne oder Fingernägel Vom Kunstwerke Bauen sagte er lachend aber nur vom Bauen schulterzuckend und zeichnete Entwürfe auf Bierdeckel Unlängst die Sechszehnte plauderte er mit der Kellnerin inzwischen am Tresen angelehnt über Korruption Fußball und die Siebzehnte bereits hinterm Ohr Konstantin Grcic Er gestikulierte wild und berührte dabei immer wieder ihre Schulter absichtlich vielleicht auch übergriffig aber eigentlich suchte er nur Berührungspunkte Die auf einer Linie der rote Faden der ihm fehlte hinter den großen grauen Augen sowas wie Wehmut Noch bevor sie endlich kamen und er lachte wie ein kleines Kind im Schluckauf Schrieb schnell auf den Bierdeckel War nett mit dir mit nur einem t

Sterbenskrank hatte er gesagt und war verschwunden für Tage Wochen Monate die man abzählen konnte an den Tschickstummeln im Innenhof insgesamt Neunhundertzwanzig aus denen die Nachbarskinder regelmäßig die noch nicht in den Filter hineingerauchten eine Ecke weiter pafften Was er machte in dieser Zeit hat noch nie jemand so genau gewusst nur dass er nicht sterbenskrank sein konnte vielleicht nur seine Lebensmüdigkeit ausschlief die ihm ebenjene Falten in die Haut gekerbt hatte die seine Jugend schon hinter ihm ließen noch bevor er seine ersten Schritte gehen konnte

Die nach draußen er dachte nach während er Zwiebeln schnitt immer das Gleiche dabei Violeta Parra hör-te und ihm was Salziges aus den Augen lief über die frischrasierten Wangen zum Erröten zwang nicht aus Scham welcher auch Er war nicht schön vielleicht sogar abstoßend mit dem abgebrochenem Schneidezahn der seine dünne Lippe kratzte und dem geblähten Kopf auf breiten Knochen kleingewachsen noch dazu aber was er sich da vom Mund abschabte in Selbstgesprächen Sprichwörter von denen er alle kannte hatte etwas so spitzbübisch charmantes wie die Sonne durchs Fenster fiel auf seine Ungeschliffenheit und trotzdem blendete Frühlingserwachen dachte er sich da ohne es besser zu wissen ließ er die Zwiebeln stehen und trat in den Hausflur als ihm etwas aufstieß er sich entschuldigte obwohl niemand zu sehen war im ersten Stock eine alte Dame deren Einkaufstaschen er hochtrug dann wieder die Treppe hinunterstürzt als hätte er einfach vergessen dass Einsiedlerkrebse ihre Hinterleibe nie schutzlos tragen dürfen hinaus in einen April ohne es besser zu wissen durch den Arbeiterbezirk quer hindurch alle Männer küssen wollte alle Frauen sowieso die ihn Gigolo nannten was von Georg kam

Zur Person

Katharina Klein

Geboren 1996 in Bregenz

Ausbildung u. a. Philosophie-Studium

Publikationen Prosa und Lyrik in Anthologien und Zeitungen

Aufführungen Kurzdramen im Kosmodrom in Bregenz

Wohnort Wien

„Eine geschlossene Tür und davor und dahinter oder Gutenachtgeschichten“  von Katharina Klein wird am 31. Oktober, 20 Uhr, im Kosmodrom in Bregenz uraufgeführt.