Auf dem Säntis wächst die Erkenntnis

Kultur / 27.10.2019 • 21:00 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Die Vorarlberger Kolumnistin Doris Knecht bei ihrem Auftritt auf 2501 Metern Höhe. SORKO

Der Hausberg der Ostschweiz wurde zum Austragungsort für das erste deutschsprachige Kolumnisten-Treffen.

Schwägalp/Säntis Grenzen gehören zum Leben. Wer sie überwindet, der traut sich etwas. Sechs bekannte Kolumnisten begaben sich auf den 2501 Meter hohen Berg Säntis und lieferten spannende Denkanstöße zum Thema „Grenzen“ und sorgten für Aha-Erlebnisse bei den zahlreichen Zuhörern. Die Veranstalter des neuen Formats „Kolumination“ haben es sich zum Ziel gesetzt, die Bedeutung der Kolumne für die Meinungsbildung zu fördern. „Den Mainstream mit knackigen Worten zu bestätigen bringt oft mehr Anerkennung, als eine differenzierte und durchdachte andere Meinung. Gerade auch deshalb braucht es Kolumnen“, erklärte Vereinspräsident Hans Höhener.

Mit Grenzen konfrontiert

Die Kolumnistinnen und Kolumnisten trugen jeweils zwei Texte vor. Sie suchten das Haar in der Suppe, brachten ihre Gedanken auf den Punkt und gaben intime Einblicke.

Mediziner, Jurist und Publizist Rainer Erlinger bekam von den Leserinnen und Lesern der Süddeutschen Zeitung rund 15.000 Fragen gestellt, einige davon wurden zu Kolumnen verarbeitet. „Ist es in Ordnung, in Österreich günstiger zu tanken und fast ausschließlich auf deutschen Straßen unterwegs zu sein?“ fragte einer seiner Leser. Ein anderer wollte wissen, wie er mit jemanden befreundet sein kann, der AfD-Gedankengut in sich trägt und auch verbreitet. Erlinger erläuterte seine Sicht der Dinge und zeigte Grenzen des Machbaren auf.

Die Vorarlbergerin Doris Knecht (Vorarlberger Nachrichten, Falter), die seit 1985 hauptsächlich in Wien lebt, befasste sich mit der Sinnhaftigkeit von Wetter-Apps. Ihr Vater und Bruder verglichen auf der Veranda ihres Elternhauses Wettervorhersagen auf ihren Smartphones mit dem Resultat, dass die Schweizer und die österreichische App zwei völlig verschiedene Prognosen lieferten. „Früher ist man irgendwo hingefahren, wenn man Pech hatte, hat es dann geregnet. Heute fährt man gar nicht mehr,“ las sie vor. Ihre zweite Kolumne drehte sich um körperliche und sprachliche Grenzen. Mit viel Humor beschrieb sie den Unterschied zwischen den Fortbewegungsarten Laufen, Gehen und Spazieren. „Wer in Vorarlberg sagt, er würde laufen gehen, meint eigentlich spazieren. Als Wiener versteht man unter dem Begriff „laufen“ aber rennen bzw. joggen,“ erklärte Knecht. Sie berichtete von einer Unternehmung mit ihren Schwestern, bei der sie eine Strecke von dreizehn Kilometern bewältigte. Diese Erfahrung, die sie ziemlich aus der Puste brachte, regte das Publikum zu heftigem Applaus an.

Was kommt in Deutschland nach dem Tod? Dieser Frage ging Harald Martenstein (Tagesspiegel, Die Zeit) auf den Grund. Er schreib 2013 eine Kolumne „Über deutsche Asche in der Schweiz“ und befasste sich mit der Tatsache, dass deutsche Staatsbürger die Überreste ihrer Liebsten an Experten in der Schweiz übergeben, um deutsche Bestattungsgesetze zu umgehen. Wie eine Sicherheitskontrolle am Flughafen in eine Diskussion über Rassismus ausarten kann, verdeutlichte er mit seiner zweiten Kolumne.

Nicole Althaus (NZZ am Sonntag) griff sprachliche Grenzerfahrungen auf und thematisierte die Schwierigkeiten, die Schweizer beim Hochdeutsch- sprechen haben. Die Pubertät ihrer Töchter, Hormonschübe und die Herausforderungen als Mutter standen bei ihrer zweiten Kolumne im Mittelpunkt. Die Schweizerin Katja Früh (Tages-Anzeiger-Magazin)gab Einblicke in ihre Familiengeschichte und offenbarte, was sie ihren Enkeln für die Zukunft wünscht, mit der Erkenntnis, dass es auch in der Kindererziehung Grenzen gibt.

Zahnimplantate sind in Ungarn günstiger als in Österreich, das weiß jeder. Aber warum begibt man sich eigentlich nicht über die Grenze zur Zahnarztpraxis im Nachbarland? Mit dieser Frage beschäftigte sich Heidi List (Falter, Der Standard). Ihre zweite Kolumne „Elternabend: Der jährliche Selbstversuch“ erntete viel Zuspruch. Die endlosen Diskussionen über vegane Jausen, Schulfotografen und die Wahl der Elternvertreter waren knackig verpackt und machten Lust auf mehr.

Volles Programm

Es folgte eine Wein-Degustation mit Philipp Schwander und ein gemeinsames Abendessen, bei dem sich die Gäste mit den Kolumnisten austauschen konnten. Die Fahrt ins Tal wurde zu einer Mutprobe. Es war dunkel, die Gondel wackelte im Wind und Schauspieler Matthias Flückiger las eine Gruselgeschichte vor, die für einen eiskalten Schauer über den Rücken sorgte. 

Am Samstag standen drei der bekanntesten Poetry-Slammer aus dem deutschsprachigen Raum vor den Zuhörern auf der Bühne. Mit geballter Wortgewalt und amüsanten Witzen im Gepäck moderierte Wolfgang Heyer (Schwäbische Zeitung) den Dichterwettstreit. Christian Kreis (DE), Etrit Hasler (CH) und der Tiroler Stefan Abermann präsentierten jeweils zwei Texte. Sie wurden mit erschwerten Bedingungen konfrontiert, da ihnen das Thema für einen der beiden Texte erst am Vorabend zugelost wurde. Sie sprachen unter anderem über gierige Pilzsammler, das dritte Geschlecht und den Umgang mit Pizzalieferanten. Es folgte ein tobender Applaus.

Knoten aus Vorarlberg

Im Anschluss wurde an Beat Kappeler der erste Preis der „Kolumination“ verliehen, der Schweizer hat sich für seine pointierten Formulierungen einen Namen gemacht. Dem Ökonom und Kolumnisten wurde eine 18 kiloschwere Bronzeskulptur in Form eines verknoteten Seils von dem Bregenzerwälder Bildhauer Herbert Meusburger übergeben. „Derzeit beschäftige ich mich intensiv mit dem Thema Knoten. Kolumnisten liefern Denkanstöße und regen die Menschen zum Nachdenken an. In unserer Gesellschaft ist der Knopf drinnen, der sich nicht einfach wieder aufmachen lässt. Es gibt ein starkes Auseinanderdriften“, sagte Meusburger.  

Mit dem neuen Veranstaltungsformat wird die Bedeutung der Kolumne als personifizierte Meinungsäußerung in den Mittelpunkt gerückt. Kolumnisten und Poetry-Slammer erhielten eine neue Plattform. Bei den Gästen kam das Programm an. In den Pausen lauschten sie nicht nur dem Volksmusikensemble Alderbuebe und dem Trio Anderscht, sondern nutzten diese auch für intensive Diskussionen. Die zweite „Kolumination“ wird voraussichtlich vom 23. bis 24. Oktober 2020 stattfinden.