„Das Fette, an dem ich würge“

Kultur / 29.10.2019 • 20:25 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Vom Bild bis zum Wort ein Treffer: „Die Humanisten“ beim Theater Wagabunt in der Ausstattung von Caro Stark. Wagabunt
Vom Bild bis zum Wort ein Treffer: „Die Humanisten“ beim Theater Wagabunt in der Ausstattung von Caro Stark. Wagabunt

Wenn sich das Theater Wagabunt Jandl widmet, darf man sich auf einiges gefasst machen.

Christa Dietrich

Dornbirn Als „das Fette, an dem ich würge“ hat Peter Handke Österreich einmal bezeichnet. Das Zitat fügt sich bestens in eine Theaterproduktion, deren Hauptteil das Konversationsstück „Die Humanisten“ von Ernst Jandl einnimmt, das vom Ensemble Wagabunt aber noch ordentlich aufgepeppt wurde. Nicht weil es vom ohnehin zahnreichen Inhalt her notwendig wäre, aber wenn es darum geht, einem Halbstünder etwas beizufügen, kommt dieses Unternehmen, um das es oft lange still ist, bevor man dann immer wieder lautstark bzw. kompetent und innovativ aufgeigt, nicht in Verlegenheit. Schließlich skizziert das Team um Robert Kahr, einer unermüdlichen Urgestalt der freien, regionalen Theaterszene, in der das Überleben ohnehin schwierig ist, hier ein Land, das sich liberal und fortschrittlich geben will, es bei näherer Betrachtung aber nicht ist.

Gute Wahl

So weit der grobe Umriss einer Produktion, die sich vom Bild bis zum Wort als Treffer erweist und beim Start eine noch überschaubare Zuschauerrunde derart faszinierte, dass den geplanten Folgeaufführungen im November und Dezember wohl entsprechender Zulauf beschieden sein wird.

Es war Ulrich Gabriel, seines Zeichens Autor, Verleger, Musiker und Kabarettist, der die Stückwahl entscheidend beeinflusste. Sein Faible für eine (experimentelle) Literatur, mit der man im Nachkriegsösterreich endlich wieder in der Gegenwart angelangt war oder gar eine Vorreiterrolle einnahm, spiegeln die eigenen Arbeiten. Der ehemalige Gymnasiallehrer ist auch Pädagoge genug um zu wissen, dass ein Werk von Ernst Jandl (1925-2000) auch Schulklassen auf den Plan rufen müsste. Mittlerweile sind Jandl-Texte zwar Klassiker, bei der Auseinandersetzung mit diesen vier Figuren, darunter zwei Nobelpreisträger, steht rasch fest, dass diese Sätze und Halbsätze mit frei geschaffenen Wortbildungen in Jandls eigenem Stil eine von Nationalismus und Chauvinismus geprägte Stimmung heraufbeschwören, die – so schmerzlich es ist – heutiger Wahrnehmung durchaus entspricht. Eine gute Wahl.

Ein Kracher

Eine Ansichtskarte mit oftmals zitierten Denkmälern oder Bauten hatte Jandl selbst als Bühnenkulisse empfohlen, Caro Stark lässt sich davon nicht beirren, verkrallt sich auch nicht in dekorative Österreich-Klischees, sondern klatscht eine riesige Klopapierrolle wellenartig ins TiK. Rechts und links viel rote Farbe – und schon ist die Flagge perfekt, die die Herren auch staatsmännisch am Brustlatz tragen, während die Frau im adretten Dirndl auftritt. Jandl als Klolektüre, eine Demokratie, die sich den Abtritt hinunterspült oder eine politische Situation als Verdauungsbeschleuniger – die Assoziationen sind mannigfaltig, das Bild ist schlicht und einfach ein Kracher.

Eine steile Vorlage für Stephan Kasimir, der als Regisseur Figuren ordnen muss, die sich hart vor diesem Hintergrund abzeichnen, nicht zu real erscheinen sollten, aber auch nicht zu abgehoben oder gar mechanisch. Mit Schauspielern wie Wolfgang Pevestorf, Michaela Spänle, dem erwähnten Robert Kahr und Ulrich Gabriel selbst, die auch Rezitatoren von Format sind, findet man einen sehr guten Weg.

Kritische Augenzeugen

Nicht nur Peter Handke, der – welch Zufall – demnächst den Nobelpreis in Empfang nimmt, kommt im aufschlussreichen Appendix zu Wort. Obiges Zitat vom Fetten, an dem er würgt, zieht sich durch die Auswahl aus Texten von Franz Grillparzer bis Elfriede Jelinek. Dass das Dramolett „Claus Peymann kauft sich eine Hose und geht mit mir essen“ von Thomas Bernhard ob der Charakterisierung der Verhältnisse immer wieder zieht, steht auch in Kreisen außer Frage, in denen man die kritischen Augenzeugen unter den Schriftstellern sicher nicht als Nestbeschmutzer bezeichnet. „Österreichs Niedertracht wird durch nichts ausgeglichen, es sei denn, man hält die überquellenden Geranien auf den Balkons der Landhäuser für Kultur“, hat Claus Peymann einmal festgehalten. Und während Peter Turrini in seinem Manifest der Kulturnebulotion niederschrieb, dass Schwechater Bier die Menschheit überlebt, hatte auch Beethoven bereits gute Antennen: „So lange der Österreicher Bier und Würstel hat, revoltiert er nicht.“

Weitere Aufführungen der Produktion „Die Humanisten“ vom 23. November bis 22. Dezember im Theater Wagabunt (TiK, Alte Stadthalle) in Dornbirn: theaterwagabunt.at