Beim Meisterkonzert sprühten die Funken

Kultur / 01.11.2019 • 14:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Academy St. Martin of the Fields mit Jörg Widmann in Bregenzer Festspielhaus. KULTURAMT/MITTELBERGER

Multitalent Jörg Widmann und die britische Academy of St. Martin in the Fields sorgten für ein grandioses Feuerwerk.

BREGENZ Sie rangiert seit ihrer Gründung 1958 durch den legendären Sir Neville Marriner in der Spitzengruppe internationaler Kammerorchester,  die britische Academy of St. Martin in the Fields. Bei den Meisterkonzerten besitzt das Ensemble seit vielen Jahren einen Stammplatz, der nun in die erstmalige Begegnung mit dem Deutschen Jörg Widmann mündete, einem Multitalent, bei dem man nicht weiß, ob man ihn als exzellenten Klarinettisten, temperamentvollen Dirigenten oder originellen Komponisten mehr bewundern soll. Alle drei zusammen und eine gesunde Portion Show ließen das ausverkaufte Haus erbeben.

Wenn zwei Hochkaräter dieses Formats aufeinandertreffen wie am Donnerstag, dann sprühen die Funken. Nicht, weil für gewisse Leute zufällig Halloween ist, sondern weil sich hier an der ausgefuchsten Deutung kostbarer Spätwerke Mozarts eine unglaubliche Hochspannung entzündet, die die Zuhörer gefangen hält. „So haben wir Mozart noch nie gehört“, ist denn auch deren einhellige Meinung. Und wirklich: Wie Widmann als Solist und Dirigent in Personalunion Mozarts singuläres Klarinettenkonzert A-Dur angeht, ist ohne Vergleich und erfüllt die Vorgabe, die er im Abendprogramm verheißt: „Bei diesem Konzert habe ich eine halbe Stunde, in der ich im Idealfall diese ganze Welt erschaffen kann.“

Nicht mehr zu toppen

Auf seiner Bassettklarinette pflegt er den schlanken, geraden Ton der französischen Böhm-Schule, fügt sich damit klanglich und dynamisch ideal ins Orchester ein, wenn auch seine tiefen Töne gegenüber den oft herzhafter zupackenden deutschen Kollegen etwas ins Hintertreffen geraten. Wie er insgesamt dieses Herzstück Mozarts bewältigt, stellt ihn in eine Liga mit Leuten wie Sabine Meyer, Martin Fröst oder Sharon Kam. Viele persönliche Ausdrucks-Nuancen verraten sein intensives Hinterfragen der Partitur weit abseits ausgelutschter Routine, alles klingt wie neu und eben erst erfunden. Von der Reprise des berühmten zweiten Satzes bleibt bloß noch ein Pianissimo-Hauch. Dafür ist ein mit Luftsprüngen des Solisten garniertes Rondo an Drive und Dramatik nicht mehr zu toppen.    

Dann wechselt Jörg Widmann die Fronten und steht am Pult, um seine 2008 entstandene Konzertouvertüre „Con brio“ zu dirigieren. Er hat das Kunststück geschafft, sich auf Beethovens 7. und 8. Symphonie zu beziehen, ohne dabei auch nur einen Ton vom Original zu zitieren. Es geht ihm viel mehr um die Aura der Klassik, die er in kleinen Einsprengseln, einer dichten thematischen Verarbeitung und einer oft pompösen Rhythmik erkennen lässt. Zunächst aber wähnt man sich noch in der wirbelnden Parodie eines Orchesterkonzertes, bis sich nach und nach ein handfest konzipiertes, mit viel Witz und Gespür ausgestattetes Stück neuer Musik herausschält, das auch beim Publikum Anklang findet.

Auch diesen Anforderungen neuer Musik mit besonderen Spiel- und Blastechniken zeigt sich die Academy imponierend gewachsen. Umgekehrt wird dann im Kernrepertoire auch Mozarts letzter Symphonie „Jupiter“ als symphonisches Vermächtnis jeder weinerliche Ton des Abschiednehmens ausgetrieben. Da ist in einem lukullisch verfeinerten Mozartklang einfach Lebensfreude und Raffinesse pur bis zum temporeich fordernden Finale, mit unglaublicher Präzision, knalliger Dynamik und einer Klangkultur zum Niederknien. Jörg Widmann am Pult versteht sich in diesem Orchester, bei dem jeder das Letzte gibt, bewusst als Primus inter pares, der diese aufregende Interpretation als Gemeinschaftsleistung gewertet wissen will. Fritz Jurmann             

Nächstes Meisterkonzert: 18. Jänner, Festspielhaus: Wiener Symphoniker mit Rudolf Buchbinder (Beethovens Klavierkonzerte Nr. 2, 4, 3).