Da sprühen die Funken

Kultur / 01.11.2019 • 22:38 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Jörg Widmann und die Academy of St. Martin in the Fields im Bregenzer Festspielhaus. Nächstes Meisterkonzert am 18. Jänner mit den Wiener Symphonikern. Mittelberger
Jörg Widmann und die Academy of St. Martin in the Fields im Bregenzer Festspielhaus. Nächstes Meisterkonzert am 18. Jänner mit den Wiener Symphonikern. Mittelberger

Jörg Widmann und die britische Academy sorgten für grandioses Feuerwerk.

BREGENZ Sie rangiert seit ihrer Gründung 1958 in der Spitzengruppe internationaler Kammerorchester, die britische Academy of St. Martin in the Fields. Bei den Meisterkonzerten besitzt das Ensemble seit Jahren einen Stammplatz, der nun in die erstmalige Begegnung mit dem Deutschen Jörg Widmann mündete, einem Multitalent, bei dem man nicht weiß, ob man ihn als exzellenten Klarinettisten, temperamentvollen Dirigenten oder originellen Komponisten mehr bewundern soll. Alle drei zusammen und eine gesunde Portion Show ließen das ausverkaufte Haus erbeben.

Wenn zwei Hochkaräter dieses Formats aufeinandertreffen, dann sprühen die Funken, weil sich hier an der ausgefuchsten Deutung kostbarer Spätwerke Mozarts eine unglaubliche Hochspannung entzündet. „So haben wir Mozart noch nie gehört“, ist denn auch die einhellige Meinung. Und wirklich: Wie Widmann als Solist und Dirigent Mozarts singuläres Klarinettenkonzert A-Dur angeht, ist ohne Vergleich und erfüllt die Vorgabe, die er im Abendprogramm verheißt: „Bei diesem Konzert habe ich eine halbe Stunde, in der ich im Idealfall diese ganze Welt erschaffen kann.“

Nicht mehr zu toppen

Auf seiner Bassettklarinette pflegt er den schlanken, geraden Ton der französischen Böhm-Schule, fügt sich damit klanglich und dynamisch ideal ins Orchester ein, wenn auch seine tiefen Töne gegenüber den oft herzhafter zupackenden deutschen Kollegen etwas ins Hintertreffen geraten. Wie er insgesamt dieses Herzstück Mozarts bewältigt, stellt ihn in eine Liga mit Leuten wie Sabine Meyer, Martin Fröst oder Sharon Kam. Viele persönliche Ausdrucks-Nuancen verraten sein intensives Hinterfragen der Partitur weit abseits ausgelutschter Routine, alles klingt wie neu und eben erst erfunden. Von der Reprise des berühmten zweiten Satzes bleibt bloß noch ein Pianissimo-Hauch. Dafür ist ein mit Luftsprüngen des Solisten garniertes Rondo an Drive und Dramatik nicht mehr zu toppen.

Dann steht Widmann am Pult, um seine 2008 entstandene Konzertouvertüre „Con brio“ zu dirigieren. Er hat das Kunststück geschafft, sich auf Beethovens 7. und 8. Symphonie zu beziehen, ohne dabei auch nur einen Ton vom Original zu zitieren. Es geht ihm viel mehr um die Aura der Klassik, die er in kleinen Einsprengseln, einer dichten thematischen Verarbeitung und einer oft pompösen Rhythmik erkennen lässt. Zunächst aber wähnt man sich noch in der wirbelnden Parodie eines Orchesterkonzertes, bis sich nach und nach ein handfest konzipiertes, mit viel Witz und Gespür ausgestattetes Stück neuer Musik herausschält, das Anklang findet. Auch diesen Anforderungen neuer Musik mit besonderen Spiel- und Blastechniken zeigt sich die Academy imponierend gewachsen. Umgekehrt wird dann Mozarts letzter Symphonie „Jupiter“ als symphonisches Vermächtnis jeder weinerliche Ton des Abschiednehmens ausgetrieben. Da ist in einem lukullisch verfeinerten Mozartklang Raffinesse pur bis zum temporeich fordernden Finale, mit Präzision, knalliger Dynamik und einer Klangkultur zum Niederknien. Jörg Widmann am Pult versteht sich bewusst als Primus inter pares, der diese aufregende Interpretation als Gemeinschaftsleistung gewertet wissen will.