Die Schatzkiste ganz weit aufgemacht

Kultur / 01.11.2019 • 20:27 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Eindrücklich: Arbeiten zum Thema Porträt in der Jubiläumsschau. AG
Eindrücklich: Arbeiten zum Thema Porträt in der Jubiläumsschau. AG

Jubiläumsausstellung im Kunstmuseum Liechtenstein mit dem Besten aus der Sammlung.

Vaduz Eines gleich vorweg: Eine Ausstellung mit so vielen Meisterwerken aus unterschiedlichen Epochen und Stilrichtungen wird man hierzulande so schnell nicht wieder zu sehen bekommen. Gleich vier hochkarätige Sammlungen haben anlässlich des 300-jährigen Staatsjubiläums des Fürstentums Liechtenstein tief in ihre Schatzkisten gegriffen. Gefunden haben sie 107 dialogwillige Exponate, die in der Schau „Liechtenstein. Von der Zukunft der Vergangenheit“ im Kunstmuseum Liechtenstein in Vaduz themen- und zeitenübergreifend Korrespondenz betreiben.

Die Preziosen aus sieben Jahrhunderten stammen aus der hauseigenen staatlichen Sammlung des Museums, aus den fürstlichen Sammlungen sowie aus den beiden großen Liechtensteiner Privatkollektionen Hilti und Batliner. Das Konzept setzt nicht auf eine chronologische Aneinanderreihung, sondern auf bildhaftes, sinnliches Erzählen. So findet zusammen, was nie zusammen sollte, und es ergeben sich jenseits des zuweilen ermüdenden Abspulens von Entwicklungsgeschichte charmante Dialoge. Die Anknüpfungspunkte sind inhaltlich-formaler Natur, manchmal so augenscheinlich, dass man sie fast greifen kann, dann wieder hintersinnig oder mit einem Augenzwinkern versehen. Immer aber bleibt es anregend und unterhaltsam und immer wieder sticht einem ein Meisterwerk in die Augen in diesem Ausstellungsparcours.

Konstellationen

Eine dieser genialen Nachbarschaften über die Jahrhunderte hinweg ist das Nebeneinander eines Porträts des Kaisers Sigismund von Luxemburg und eines Selbstporträts mit gelber Brille von 1973 des italienischen Künstlers Michelangelo Pistoletto. Während das früheste Werk der Schau, das 1455 datierte Kaiserbild eines unbekannten Meisters, den Herrscher im Ornat ganz in der Tradition des Spätmittelalters ernst, weise und demutsvoll darstellt, hinterfragt Pistoletto mit Humor den Starkult. Thematisch setzt die Schau mit Mutter „Erde“, Ursprung und Bedingung allen Seins, ein. Es folgen die Kapitel „Porträt“, „Menschliches“ und „Kunst“, das zeigt, wie sehr sich die Künstler mit wechselnden Schwerpunkten, aber immer wieder, mit ihrem eigenen Tun befasst haben.

Ein schönes, beredtes Ensemble mit Vorarlberger Beteiligung ist im Raum „Menschliches“ das unverhoffte Aufeinandertreffen von Marc Chagalls „La dormeuse aux fleurs“ und einem Werk der Brüder Christoph und Markus Getzner. Mit der friedlich lächelnden Schläferin neben einem übergroßen Blumenstrauß verschränken sich bei Chagall Traum und Wirklichkeit, wohingegen Vergänglichkeit das zentrale Thema im barock-symbolhaft verzweigten Bildkosmos der Getzners ist.

Stickerei und Abstraktion

Mit „Was ist Gegenwart? Das Zerfließen der Zukunft in die Vergangenheit“ (Arbeiten von Ferdinand Nigg) und „Informelle Malerei. Die Freiheit des Einzelnen“ (Sammlung Veronika und Peter Monauni) lohnen gleich zwei weitere Ausstellungen den Besuch im Kunstmuseum Liechtenstein. Ferdinand Nigg (1865–1949) war nicht nur der wichtigste Künstler der Vormoderne in Liechtenstein. Neben seiner Tätigkeit als Maler, Grafiker, Buchgestalter und Typograf zählt er zu den wenigen (männlichen) Künstlern, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Stickerei als künstlerisches Ausdrucksmittel genutzt haben. Ein wohlgehüteter Teil des Nachlasses befindet sich seit Kurzem als Dauerleihgabe im Kunstmuseum. Das Konvolut, das sukzessive aufgearbeitet werden soll, umfasst Skizzen, Entwürfe, Papierarbeiten und vor allem eine Reihe von bedeutenden Stickwerken, die vor allem um biblische Themen kreisen. Die Schau vermittelt anschaulich anhand der horizontal präsentierten Papierarbeiten in den Vitrinen und der Wandarbeiten, wie Nigg moderne Ansätze der Gestaltung, Inspirationen aus den verschiedenen Kunstrichtungen, schnörkellos vom Blatt ins Material der Stickerei und in den Kreuzstich übertragen hat.

Vielfältiges Informel

31 Werke aus der ebenfalls als Dauerleihgabe hier befindlichen Sammlung Veronika und Peter Monauni zeigen das vielfältige Spektrum der informellen Malerei auf. Positionen von B wie Bissier, Julius Heinrich, bis zu W wie Winter, Fritz, zeigen die individuellen Haltungen innerhalb der abstrakten Malerei der Nachkriegszeit auf: Abstraktion in Farbe, Form, Linie und Flächen, das Einbringen kalligrafischer Elemente oder dynamisch-gestische Ansätze. Zu sehen sind auch Werke von Heinz Mack und Otto Piene, die mit Zero zwar eine Gegenbewegung gestartet haben, für die das Informel aber ein wichtiger Wegbereiter war.

Ausschnitt aus einer Arbeit von Fritz Winter in der Ausstellung zum Informel.
Ausschnitt aus einer Arbeit von Fritz Winter in der Ausstellung zum Informel.

Die Ausstellungen sind im Kunstmuseum Liechtenstein in Vaduz bis 26. Jänner (Jubiläumsschau) und 23. Februar geöffnet, Di bis So, 10 bis 17 Uhr, Do von 10 bis 20 Uhr.