Zuerst Mensch, dann Komponist

Kultur / 01.11.2019 • 17:30 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Anton Bruckner: Das Gemüt geht eigene Wege, verschlungene und musikalische.

ROMAN Anton Bruckner (1824–1896) war nicht immer ein alter, verbitterter, womöglich gar gescheiterter Mann. Oh nein! Er war einmal ein junger, kräftiger, sinnlicher Oberösterreicher, ein Landkind. Seine Zeit war wohl etwas schwierig in manchem (welche ist das nicht?); schwierig für einen doch eher schüchternen, sich in den starren sozialen Strukturen unsicher bewegenden hochtalentierten Jungen. Da gab es dann bevorzugt zwei Terrains, auf denen sich der Hilfslehrer zu bewähren hatte: Einmal seine überragende musikalische Begabung, und dann, nona: die Frauen. Bruckners Musikgenie hat irgendwie für sich selbst gesorgt, es hat sich Raum und Luft und Gehör verschafft, mit einem breiten Echo bis in die Gegenwart als fixe Größe in der Musikgeschichte. Die Sache mit den Frauen ist komplizierter. Sie ist jedoch von tragender Relevanz, wenn es darum geht, den Menschen Bruckner und damit letztlich auch seine Musik zu verstehen, ja zu würdigen. Nicht zuletzt erlauben sie, die maßgebenden Stationen Bruckners – das Stift St. Florian, Linz und Wien – mit Leben zu erfüllen, jenem Leben und Geist, aus dem heraus Bruckners gewaltige Kompositionen entstanden. Ja, Bruckner hätte eine Frau gebraucht.

„Gekonnt changierend zwischen sozialer Recherche und charmanter Fiktion“, wie Hans-Joachim Hinrichsen in seiner glänzenden Ouvertüre schreibt, zeichnet der Autor Buchmayr ein mehr als vielschichtiges und lebensnahes, empathisches und sympathisches Bild – bei aller zeit- und auch persönlichkeitsbedingter Eigenart – des lebenslangen Junggesellen Anton Bruckner. Der sozial-, musik- und geschichtswissenschaftlich überaus versierte Autor lässt verschiedene Stimmen, nein: Menschen zu Wort kommen. So spinnt er rund um den ständig an sich und der Welt, ja fast schon am lieben Gott zweifelnden Komponisten ein dichtes Netz von Emotionen, Konventionen, Hoffnungen und Enttäuschungen. Wegbegleiter, Vorgesetzte, Künstlerkollegen, vorwiegend aber die spontan angebeteten, von nah und fern verehrten, brieflich und physisch gestreichelten Frauen kommen dokumentarisch oder fiktiv zu Wort. Buchmayr vermeidet nicht nur alles Voyeuristische, es ist ihm fremd. Es wird debattiert, interpretiert, analysiert. In der Mitte sitzt, mild lächelnd, verlegen, genial, souverän und hilflos Anton Bruckner. Man muss ihn mögen, nach der Lektüre dieses Buches noch mehr. Auch wenn wir (?) das heute alles nicht mehr verstehen: die verschämten Busserln, das Schmachten und Schwärmen und Sehnen des erwachsenen Kerls: Versteht jemand, außer dem lieben Gott, Bruckners Musik? Na also! PEN

„Mensch Bruckner! Der Komponist und die Frauen“, Buchmayr, Salzmann, 350 Seiten