Besucher werden gefilmt, abgehört und berührt

Kultur / 03.11.2019 • 11:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Arbeiten der Preisträgerin Maria Anwander in der Galerie Goldener Engl in Hall. SORKO

Die Vorarlberger Künstlerin Maria Anwander erhielt den Förderpreis der Klocker-Stiftung. 

Hall in Tirol Die Bregenzerin küsste eine weiße Wand in einem Museum in New York, entwendete Schilder künstlerischer Arbeiten und platzierte ohne Genehmigung einen zwei Tonnen schweren Stein in der Stadt Luxemburg. Maria Anwander wirft mit ihren Arbeiten viele Fragen auf. Nun wurde der 39-Jährigen der Förderpreis der Klocker-Stiftung verliehen. Zu diesem Anlass werden 27 Werke in Hall in Tirol ausgestellt.

Bei Betreten der Galerie Goldener Engl fährt ein Staubsaugerroboter durch die Gegend. An der Wand, direkt über der Ladestation des Geräts klebt ein Schild, das auf die Verwendung von personenbezogenen Daten hinweist. Bei näherer Betrachtung wird ersichtlich, dass der Staubsaugerroboter mit einer Kamera, einem Mikrofon und einem Lautsprecher ausgestattet wurde.

Anwander kann das Gerät via App aus der Ferne steuern, den Raum überwachen und mit den Besuchern in direkten Kontakt treten. Dem Betrachter wird vor Augen geführt, wie ein scheinbar harmloses Haushaltsgerät dazu genutzt werden kann, Menschen zu filmen und abzuhören.

Die Tatsache, dass Menschen mit Hilfe von Technologien überwacht werden, griff die Vorarlbergerin auch in ihrer 24-teiligen Serie „High Resistance“ auf. Sie ließ sich von dem Künstler Adam Harvey inspirieren. Der Amerikaner entwickelte ein spezielles Make-up, um Gesichtserkennungstechnologien auszutricksen. Anwander entwarf ihre eigene Formensprache und platzierte geometrische Grundformen auf Gesichtern von Porträts Oppositioneller, die sich gegen das NS-Regime aussprachen.

Verwertung von Kunstwerken

Kann ein handelsübliches Urinal als Kunst bezeichnet werden? Diese Frage sorgte bereits 1917 für viel Diskussionsstoff. Das Ready-made „Fountain“, das Marcel Duchamp zugeschrieben wird, wurde von einer großen Ausstellung in New York ausgeschlossen. 1996 goss die amerikanische Konzeptkünstlerin Sherrie Levine ein Pissoir in glänzende Bronze. Anwander entschied sich dazu, die Kopie aufzugreifen und das Werk „Fountain (After Sherrie Levine)“ zu entwickeln. Sie stellt die Bedeutung von geistigem Eigentum, Autorenschaft und Aneignung infrage.

Maria Anwander befasst sich auch intensiv mit der Geschlechterpolitik innerhalb des Kunstbetriebs und mit institutionalisierten Hierarchiesystemen. Sie interpretierte das Pop-Art-Gemälde „Masterpiece“ aus dem Jahr 1962 von Roy Lichtenstein um. Die Bregenzerin veränderte die Position der Sprechblase, änderte den Namen von Brad auf Brenda und ließ so die Bewunderin des Künstlers, selbst zur Künstlerin werden.

Spannende Streifen

In der Galerie werden auch mehrere Videos gezeigt. Die Künstlerin ist zu sehen, wie sie unangekündigt ihren Namen unter einer langen Liste prominenter Sponsoren im Los Angeles County Museum of Art anbringt. Durch diese Intervention hinterfragte sie institutionelle Hierachiesysteme und soziale Ränge. 2010 betrat sie das Museum of Modern Art in New York als normale Besucherin. Sie entschied sich dazu, in der Abteilung für zeitgenössische Kunst, eine weiße Wand intensiv zu küssen und daneben das Titelschild „The Kiss“ mit ihrem Namen zu befestigen. Das Schild blieb vier Tage unentdeckt. Im Jahr 2012 platzierte sie in der Innenstadt von Luxemburg einen zwei Tonnen schweren Kalkstein mit dem eingravierten Schriftzug „The Present“ und allen Informationen zum Kunstwerk. Die Verantwortlichen haben sich dazu entschieden, das Geschenk anzunehmen.

Anwanders Kunst berührt, weil sie aufwühlt, die Fantasie stimuliert und neue Sichtweisen eröffnet. So hat sie etwa bedruckte Seiten aus einem Kunstmagazin entnommen und die Bilder ausradiert. Übriggeblieben sind nur der Text und der Radiergummiabrieb. Die Besucher werden dazu angeregt zu überlegen, was ursprünglich auf den Bildern zu sehen war. Sie platzierte knallbunte Granulate, die für 3D-Ausdruck verwendet werden, in Tischvitrinen. Nach längerer Betrachtung wird man dazu verleitet zu überlegen, was man alles ausdrucken könnte. Als Erinnerung an den Galeriebesuch können sich die Besucher einen handsignierten und nummerierten Raumplan mitnehmen.

Am 8. November findet ein Gespräch mit Maria Anwander statt. Die Ausstellung in der Galerie Goldener Engl in Hall in Tirol läuft noch bis 30. November: www.klockerstiftung-galeriegoldenerengl.com