Poptheatralisch aufgebrezelt, ironisch gebrochen

Kultur / 05.11.2019 • 20:56 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Roman-Klassiker „Früchte des Zorns“ wurde von Christopher Rüping für die Bühne adaptiert. Schauspielhaus/Aubry
Roman-Klassiker „Früchte des Zorns“ wurde von Christopher Rüping für die Bühne adaptiert. Schauspielhaus/Aubry

John Steinbecks Roman wird gekonnt, doch auch etwas trashig auf die Bühne gehievt.

Zürich Nicolas Stemann und Benjamin von Blomberg heißt das Tandem, das inzwischen das Schauspielhaus Zürich leitet. Als einer von sieben Hausregisseuren hat der unlängst von der Zeitschrift „Theater heute“ zum Regisseur des Jahres gekürte Christopher Rüping seine erste Neuinszenierung gezeigt.

Rüping probiert in „Früchte des Zorns“ nach John Steinbeck einen Mehrfachspagat. Das Resultat ist ein spielfreudiger Abend mit lebendigen Ensembleleistungen, der sich in der Gesamtbilanz aber durchwachsen präsentiert. Es gibt einen Strang mit Originaltext aus dem berühmten Roman von 1939, und wir erfahren, wie die – hier auf der Pfauenbühne personell abgespeckte Bauernfamilie Joad (mit Nils Kahnwald als cholerischem Tom) zuerst auf Oklahomas ausgetrockneten Feldern erfolglos rackert, dann auswandert, aber in dem als „Gelobtes Land“ besungenen Kalifornien erst recht unter die Räder eines Ausbeutungssystems gerät. Für Erweiterungen und ironische Brechungen setzt der Regisseur eine in der Besetzungsliste „Gucci Gang“ genannte Fünferschar ein, deren Klamotten aus Streifen von Nobel-Kleidermarken zusammengeschustert sind und so mit dem tristen Graublau der Bauern kontrastieren. Flink-virtuos wird da zwischen Figuren und auch zum Erzähler hin und her gesprungen und werden auch Widersacher gemimt, die die Familie herumschubsen und in die Mangel nehmen – wie zum Beispiel ein zynischer Journalist.

Popsongs

So, wie der Regisseur sich beim Arsenal des American Showbusiness bedient, verrutscht aber, was kritisch gemeint war, streckenweise ins Selbstzweckhafte. Popsongs mit „California“-Bezug – vom „Hotel California“ der Eagles bis zu Adeles „Hello“ – werden über das Ganze gegossen. Aufblasbare Gebilde wie Kakteen und ein Orangenbaum und gewisse Kostümelemente lassen eine wenig erfrischende Nähe zu Kindertheater entstehen. Migration und Arm-Reich-Thematik hätten die Chance geboten, deutlichere Verbindungslinien zu heute zu ziehen. Die vielen Perspektivenwechsel und Verfremdungseffekte und -effektchen drohen, den Abend zu zerstückeln und die emotionale Bindung zu den Schicksalen zu beschädigen. Die 80 Jahre, die uns heute von dem Roman trennen, sind gewiss nicht wenig. Der Trash-Faktor, mit dem Rüping die Distanz zu verringern sucht, hilft allerdings nicht wirklich weiter. Die erwähnte Spiellust und Fantasie im Einsatz der verschiedenartigen Mittel vermögen es immerhin, den Abend lebendig zu erhalten.

Nächste Vorstellungen (160 Minuten) bis 23. Dezember: www.schauspielhaus.ch