Das Jüdische Museum beschäftigt sich mit dem Ende der Zeitzeugenschaft

Kultur / 08.11.2019 • 21:30 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Neue Ausstellung in Zusammenarbeit mit der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg.

Tanja Schwendinger

Hohenems Die Zeitzeugenschaft zum Holocaust geht dem Ende zu. Nur noch wenige Überlebende können aus eigener Erfahrung und mit eigenen Worten berichten, wie sie die NS-Herrschaft erlebt haben. Was bleibt, sind die Erinnerungen in historischen Filmdokumenten, Briefen, Büchern und Videointerviews.

Das Jüdische Museum in Hohenems stellt in Zusammenarbeit mit der KZ-Gedenkstätte Flossenburg und der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ das Ende der Zeitzeugenschaft in den Fokus. „Über dieses Thema wird schon seit vielen Jahren öffentlich diskutiert“, sagt Direktor Hanno Loewy. „Das Leben ist endlich. Die letzten Überlebenden des Holocaust treten irgendwann von der öffentlichen Bühne ab.“ Die Ausstellung im Jüdischen Museum beschäftigt sich damit, wie mit den Spuren der Vergangenheit verantwortungsvoll umgegangen werden kann. Dabei wird ein kritischer Blick auf das Thema der Zeitzeugen gewagt. Laut Kuratorin Anika Reichwald gehe es in der Ausstellung nicht um die Zeitzeugen und Individuen per se und den Inhalt des Erzählten, sondern um die unterschiedlichen Erzählweisen. Wie sind erzählte Erinnerungen entstanden? Wie haben sie sich gesellschaftlich etablieren können? „Erzählungen sind immer durch verschiedene Kontexte geformt“, sagt auch Jörg Skriebeleit, Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg. Er betont gleichzeitig, dass es nicht darum gehe, aufzuzeigen, was richtig oder falsch ist. Man möchte Fragen stellen, aber keine Antworten geben, und die Würde des Individuums ernst nehmen.

Anhand einer umfangreichen Schau, bestehend aus erstmals präsentierten Video- und Audioaufnahmen, hinterfragt die Ausstellung die „Gemachtheit“ der Zeitzeugeninterviews und ihre gesellschaftliche Rolle seit 1945. Der historische Abriss bildet dabei den Kern der Ausstellung. „Die Rolle der Überlebenden und ihrer Zeugnisse hat sich in der Gesellschaft ständig geändert“, sagt Anika Reichwald. Schon in den 40er-Jahren wurden die Erzählungen der Überlebenden für die Nachwelt in Bewegtbild festgehalten. In den 50er-Jahren hingegen kamen Überlebende kaum zu Wort und wurden für politische Zwecke instrumentalisiert, während ihnen in den 60er-Jahren als Zeugen in den NS-Gerichtsprozessen Bedeutung zukam. „Die Überlebenden kamen 20 Jahre später in einer ganz anderen Rolle zu Wort“, sagt Reichwald. Für die 70er-Jahre stellt die Kurtorin hingegen eine Art Übersättigung in der Gesellschaft und ein Brodeln unter der Oberfläche fest. In den 80er-Jahren fand wieder ein intensivere Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit statt, als die Kinder der Nachkriegsgeneration zu erzählen begannen. In den 90er-Jahren kamen mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion neue Opfergruppen an die Oberfläche, dazu nutzten auch falsche Zeitzeugen die immer größer werdenden öffentlichen Plattformen.

Die Besucher werden in der Ausstellung stark miteinbezogen. Interviews werden in voller Länge, inklusive aller Unterbrechungen, Zwischentöne, Lichtausfälle und Augenblicke der Irritationen, gezeigt. Man bekommt jene Momente zu sehen, die ansonsten keinen Raum finden: „Wir beschäftigen uns mit dem Wie und blicken hinter die Kulissen des gemachten Konstrukts“, sagt Reichwald.

„Das Ende der Zeitzeugenschaft?“: 10. November bis 13. April 2020, DI bis SO und feiertags von 10 bis 17 Uhr im Jüdischen Museum in Hohenems.