Ein Tanz von Kraft um eine Mitte

Kultur / 08.11.2019 • 16:53 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Baby Palazoles. Ein ReigenJens DittmarBucher Verlag192 Seiten

Baby Palazoles. Ein Reigen

Jens Dittmar

Bucher Verlag

192 Seiten

Wer in die Welt hinauszieht, lernt nicht unbedingt das Fürchten.

Roman „Ein Tanz von Kraft um eine Mitte, in der betäubt ein großer Wille steht“: So dichtet Rainer Maria Rilke in seinem Gedicht vom Panther im Jardin des Plantes in Paris. Einen Reigen, mithin einen Tanz, nennt der Wahl-Liechtensteiner Jens Dittmar seinen neuen Roman. Nun denn: Den Reigen, auch im Sinn von Arthur Schnitzler, auf den hier gewiss angespielt wird, nimmt man dem schlauen Fuchs Dittmar inklusive aller gesellschaftlichen, psychotechnischen und vor allem erotischen Vorgaben gerne ab. Fragt sich nur noch, um welche Mitte hier von mancherlei liechtensteinisch-kosmopolitischem Personal über mehrere Jahrzehnte hinweg getanzt wird. Es sind geübte Tänzer, die auf- und abtreten zwischen Berlin, New York und dem einen oder andern liechtensteinischen Nest. Routiniert im allerbesten Sinn ist auch dieser Text. Gekonnt und souverän jongliert der Autor mit Personal, Zeit und Raum. Da kommt eine großartige Wirtshausschlägerei so authentisch zur Leserschaft wie die abgebrühte New Yorker Künstlerszene oder einschlägige Münchner Rotlichtlokale. Selbst das Krankenhaus, in dem die Tochter des schillernden Protagonisten verstirbt, ist bis ins kleinste und allzumenschliche Detail stimmig abgebildet. Alles fließt.

Die Übung, die den Meister macht

Ob Wetter, Weltkrieg oder Winterfreuden: Jens Dittmar ist ein Meister des Wortes, geschult an Stilisten wie Thomas Bernhard und in seiner bereits sechsten schriftstellerischen Publikation zeigt sich die Übung, die den mit allen Wassern des Handwerks gewaschenen Meister ausmacht. Zudem ist Dittmar ein scharfer und kluger Beobachter. Ein simples Zugabteil gerät ihm mit Leichtigkeit zu einem Kosmos, in dem sich die Welt dar- und immer auch ein wenig bloßstellt: „In Wittenberg ließ sich eine Dame mit ihrem Hündchen neben mir nieder. Das Hündchen, ein Terrier, erinnerte mich an den klassischen Staubwedel aus Straußenfedern, der bei Manufactum für fünfzehn Euro zu haben ist. … Bis auf die weißen Schuhe war sie ganz in Schwarz: schwarze Hose, schwarzer Pullover, schwarzer Mantel. Alles passte perfekt zu ihren schwarz gefärbten Haaren. Kurz darauf betrat ein Pärchen mittleren Alters das Abteil. Beide schienen recht glücklich zu sein, denn sie kicherte unentwegt über alles, was er von sich gab. Offenbar kannten sie sich noch nicht gut, und das war wohl ihr zweiter oder dritter Versuch, dem Leben einen Sinn zu geben. Während sie es sich mir gegenüber bequem machten und belegte Brote verzehrten (was wiederum den Terrier interessierte), dachte ich tüchtig über meine Termine nach.“

Um welche Mitte hier getanzt wird? Das fragliche Zentrum könnte der Autor selbst sein. Das wäre dann ein fast schon genialer erzählerischer Kniff, irgendwo zwischen Ernst Jandls „Selbstporträt des Schachspielers als trinkende Uhr“ und sokratischer Ironie beheimatet: ja, beheimatet, also gut aufgehoben, gerade so wie die Leserschaft in seinem Roman. PEN