Im Nationalitätenkampf aufgerieben

Kultur / 08.11.2019 • 16:42 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Lehrkörper des Bregenzer Gymnasiums im Jahr 1912. Vorne ganz links Prof. Colmano.
Lehrkörper des Bregenzer Gymnasiums im Jahr 1912. Vorne ganz links Prof. Colmano.

Zu Beginn des Schuljahres 1910 wurde in einer internen Feier am Gymnasium Bregenz den bisherigen Lehrern „Karl Tizian, Dr. Joh. Josef Mittelberger und Severin Colmano der Titel k.k. Professor zuerkannt.“ Dem aus dem Trentino stammenden Colmano wurde vom Schulchronisten sein Doktortitel nicht zugestanden. Solch kleine, aber auch schärfere Spitzen sollte es in den kommenden Jahren gegen den „Italiener“ noch öfters geben. Die folgenden Schicksale der drei Professoren hätten sich unterschiedlicher kaum entwickeln können. Jedes einzelne wurde aber zutiefst geprägt von den Ereignissen jenes Weltkrieges, den Österreich-Ungarn im Sommer 1914 vom Zaun brach und der zu seinem Untergang führte. Die Lebenswege der drei Pädagogen verliefen – obwohl sehr unterschiedlich – in ihrer Art doch sehr generationstypisch: Dr. Karl Tizian starb bereits im November 1914 an der galizischen Front. Seine Gattin Ida brachte im April 1915 den gleichnamigen Sohn, den späteren Bregenzer Bürgermeister, zur Welt. Dr. Mittelberger litt an starker Kurzsichtigkeit und war deshalb untauglich. In den Kriegsjahren war er neben seiner Unterrichtstätigkeit in Hilfsorganisationen und in der christlich­sozialen Partei aktiv. Am Kriegsende fungierte er als einer der Gründerväter des Landes Vorarlberg, wurde in den ersten Landtag gewählt und 1923 zum Finanzlandesrat bestellt. In dieser Funktion prägte er die Wirtschaftspolitik Vorarlbergs in der Ersten Republik nachhaltig. 1929 amtierte er für fünf Monate als Bundesminister für Finanzen.

Das Leben des dritten k.k.Professors, des Dr. Severino Colmano, verlief dagegen wesentlich weniger gradlinig. In ihm bilden sich vielmehr die Brüche und Umbrüche, die politischen Hoffnungen und Irrwege des frühen 20. Jahrhunderts ab.

Geboren wurde Colmano am 12. Oktober 1872 in Levico, einer Ortschaft im Valsugana. Seine Eltern lebten in bescheidenen Verhältnissen, ermöglichten ihrem einzigen Sohn aber den Besuch des Gymnasiums in Trient. Als Werkstudent erwarb er sich danach ein Doktorat in Literaturwissenschaft an der Universität Mailand. Nachdem er bereits während des Studiums als politisch engagierter junger Mann aufgefallen war, übertrug ihm die sozialdemokratisch dominierte Gewerkschaft der Provinz Trient das Amt des Sekretärs. Bereits während des Studiums hatte er mit anderen jungen Leuten eine Demonstration organisiert, die die Absetzung des langjährigen Bürgermeisters von Levico forderte. Der von Colmano als korrupt bezeichnete Ortsvorsteher antwortete mit einer Klage, die dem Demonstranten eine viertägige Gefängnisstrafe einbrachte.

Die Tätigkeit als Gewerkschaftssekretär erwies sich als schwierig, weil sich die unterschiedlichen Positionen, gemäßigtere und radikalere, österreichtreue und italienischnationale, nur selten unter einen Hut bringen ließen. Er selbst vertrat den internationalistischen Kurs der österreichischen Sozialdemokratie, der die soziale Frage bedeutsamer war als die nationale. Zudem zählte er zur Fraktion derer, die eine Autonomie für das Trentino, aber keine Abspaltung von Österreich forderten. Als diese Positionen zunehmend umstrittener wurden, stieg Dr. Severino Colmano aus dem Arbeitersekretariat aus, zog nach Graz und absolvierte die Nostrifizierungsprüfungen für das Lehramt in Italienisch und Latein. 1907 sollte er in Innsbruck seine Lehrtätigkeit beginnen. Kurz vor Schulbeginn beorderte ihn die Statthalterei nach Bregenz, weil man in der aufgeheizten Stimmung in der Tiroler Hauptstadt keine weiteren „Italiener“ beschäftigen wollte. Hier hatten deutschnationale Studenten mit Unterstützung von Professoren gegen die Errichtung einer italienischsprachigen Fakultät mobil gemacht und Prügeleien gegen trentinische Studenten angezettelt. Colmano bezeichnete die aggressiven Burschenschafter später als „schlagende Bierfässer“.

In Bregenz war die Situation unaufgeregter, die abschätzige Haltung gegenüber Italienern aber ebenso allgegenwärtig. Prof. Colmano wurde hier von Anfang an polizeilich beobachtet, die Spitzel konnten aber nichts Auffälliges feststellen, außer dass er privat mit anderen italienischsprachigen Beamten verkehrte. Ein Informant vermutete, dass Colmano der Chef der Irredentisten von Bregenz sei, konnte dafür aber keine Beweise liefern. Als Irredenta wurde jene italienisch-nationalistische Bewegung bezeichnet, welche die italienischsprachigen Gebiete Österreichs an den italienischen Nationalstaat angeschlossen sehen wollten.

Auch in der Schule verrichtete Colmano seine Unterrichtstätigkeit mit Erfolg und ohne jegliches Aufsehen. Bis zum 19. April 1915. Da hielt der Professor seine Vormittagstunden, erschien aber nachmittags nicht zum Unterricht. Der ausgeschickte Schulwart stand in Colmanos Unterkunft in der heutigen Pension Bodensee in der Bregenzer Kornmarktstraße vor verschlossener Tür. Am späten Nachmittag erhielt der Direktor ein Telegramm, das in St. Margrethen abgeschickt worden war und in dem ein erklärender Brief angekündigt wurde. Bereits einen Monat vor dem Kriegseintritt Italiens auf der Seite der Entente hatte Severino Colmano für sich beschlossen, dass er nicht gegen italienische Soldaten in den Krieg ziehen wollte. Den Hass gegen Italien, der in Österreich, so auch in Vorarlberg, die öffentliche Stimmung vergiftete und der an den Trentinern ausgelassen wurde, hatte auch er zu spüren bekommen.

Colmano wurde unverzüglich der Innsbrucker Militärverwaltung als Deserteur gemeldet und in Abwesenheit verurteilt. Der Geflüchtete selbst begab sich nach Mailand und wurde dort der italienischen Botschaft in Paris zugeteilt. Hier hatte er für den Militärattaché eine übersetzte tägliche Presseschau der wichtigsten deutschen und österreichischen Zeitungen zu erstellen.

Mit Kriegsende reiste Colmano nach Bozen, wurde hier in den statistischen Rat der neugeschaffenen Provinz Venezia Tridentina berufen und als Lehrer am Bozner Lyzeum angestellt. 1919 schloss er sich als Vorstandsmitglied der Dante-Gesellschaft an, die die Ebenbürtigkeit der italienischen Kultur durch Veranstaltungen zeigen sollte. 1920 wählten ihn die italienischen Kollegen zum Präsidenten des Circolo Concordia, wie sich der Beamtenverein nannte. Dieser trat für eine Autonomie des deutschsprachigen Südtirol ein, nicht aber für die gemischtsprachigen Gebiete. Die Exponenten der Deutsch-Tiroler wollten aber auch mit den gutwilligen Italienern nicht wirklich kooperieren. Der nationale Überlegenheitsdünkel der Vorkriegszeit war geblieben, obwohl sich die politischen Verhältnisse grundlegend geändert hatten.

Viele, bisher ausgleichende, italienische Intellektuelle begannen sich angesichts der politischen Realitäten immer deutlicher den italienischen Nationalisten zuzuwenden. Der Kommissar für Sprache und Kultur, Ettore Tolomei, bereits seit der Jahrhundertwende lautstarker italienischer Nationalist und ab 1922 glühender Faschist und Schöpfer der italienischen Namen aller Südtiroler Ortschaften, Gewässer und Berge, dominierte nicht nur die Kultur-, sondern die gesamte Italienisierungspolitik in Südtirol. Er verstand es auch, den gemäßigten Severino Colmano immer stärker in seine radikale Umgestaltung einzubinden. Zwar blieb Colmano im Kulturbereich tätig, wurde kein exponierter Faschist, 1930 aber doch zum Bozner Vertreter der faschistischen Künstlervereinigung bestellt. Mitte der 1930er-Jahre wird es still um den Bozner Professor. Die Irrungen und Wirrungen, die er in der Arbeiterbewegung und im innertirolischen Nationalitätenkampf erlebt hatte und zum Teil mitgegangen war, ließen ihn ausscheren aus den öffentlichen Ämtern. Zwischen der rücksichtslosen Italienisierungspolitk der italienischen Faschisten und dem kulturellen Überlegenheitsdenken der deutschsprachigen Tiroler gab es keinen Kompromiss. Die Ideologen wollten keine ausgleichenden Mitdenker, sondern treue Parteigänger. Und so wandelte sich auch Colmano von einem Vertreter ethnischer Pluralität zum italienischen Nationalisten.

Mit Kriegsbeginn 1939 ging Dr. Colmano in Pension und zog sich, mittlerweile fast erblindet, in seinen Geburtsort Levico zurück. Hier verstarb er 1959. Im Gegensatz zu seinen beiden k.k. Professorenkollegen, der eine frühes Kriegsopfer, der andere mit einer relativ gradlinigen politischen Karriere, wurde Colmano eingeklemmt in einen unentwirrbaren Nationalitätenkonflikt. Sein Schicksal war das eines österreichischen Italieners, dessen Identität schon vor dem Weltkrieg problematisch war, und der sich nach 1918 auf die vermeintlich befreiende Seite schlug. Der Faschismus stand aber weniger für die nationale Befreiung als viel mehr für neue politische Fesseln.

Brief von Dr. Severino Colmano nach seinem Abgang an den Direktor des Bregenzer Gymnasiums.

Brief von Dr. Severino Colmano nach seinem Abgang an den Direktor des Bregenzer Gymnasiums.