Schwärze, Schwere und Schwebe

Kultur / 08.11.2019 • 16:53 Uhr / 2 Minuten Lesezeit

Mircea Cartarescu bietet ein Leseerlebnis voller Höhen und Tiefen.

Roman Den Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur bekam der Rumäne Mircea Cartarescu im Jahr 2015. Für den Ruhm des 63-Jährigen hat vor allem seine „Orbitor“-Trilogie über die Zeit der Ceausescu-Diktatur und die nachfolgenden Transformationsprozesse in Rumänien gesorgt. Dabei bilden reale Ereignisse und Städte wie sein geliebtes Bukarest nur den Hintergrund von in Sprache und Bildern weit in die Fantastik gehenden Schilderungen, in denen sich alle großen Menschheitsthemen und -ängste widerspiegeln. „Solenoid“, ein dank Randfärbung schon bei der bloßen Ansicht Ehrfurcht gebietender schwarzer Buch-Ziegel von 900 Seiten, dreht – in meisterhafter Übersetzung von Ernest Wichner – dieses eindrucksvolle OEuvre noch ein Stück weiter.

Schwarze Magie mag neben fortgeschrittener Elektrophysik auch bei der titelgebenden Apparatur im Spiel sein, einer kompliziert konstruierten großen Magnetspule, deren Konstrukteur und eigentliche Aufgabe unklar bleibt, dem Ich-Erzähler jedoch zu sensationellen Erlebnissen und Liebesstunden unvergleichlicher Intensität verhilft: Ein unter seinem Schlafzimmer in einem seltsamen, schiffsähnlichen Haus in einer ärmlichen Bukarester Vorstadt befindlicher Solenoid lässt ihn (und seine Geliebte) auf Knopfdruck schweben – und ermöglicht von der Schwerkraft losgelöste körperliche Vereinigungen. Insgesamt sechs solcher gigantischer Spulen heben gegen Ende des Romans noch ganz andere Dinge aus den Angeln. Das Leseerlebnis bis dahin ist voller Höhen und Tiefen und gleicht einer stundenlangen Fahrt in einer Geisterbahn, für die Sigmund Freud das Konzept verfasst hat, Franz Kafka und Edgar Allan Poe als Ghostwriter gearbeitet sowie Hieronymus Bosch und Alfred Kubin die Ausstattung besorgt haben. Leichte Lektüre ist das Buch nicht. Es bietet wenig fortlaufende Handlung im traditionellen Sinn, dafür jede Menge Ausflüge in unterirdische und unterbewusste Welten.

„Solenoid“, Mircea Cartarescu, Zsolnay Verlag, 912 Seiten.