Tanz ist: klug, mit einer guten Portion Humor

Kultur / 08.11.2019 • 21:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
„Incorp-ratis“ wurde am Dornbirner Spielboden uraufgeführt und kommt anschließend nach Wien. RUDOLF SAGMEISTER

Die Uraufführung eines Stücks von Elio Gervasi wurde zum bejubelten Geschenk für das Tanz-ist-Festival.

Christa Dietrich

Dornbirn Die gezeichneten Umrisse eines menschlichen Körpers haben nicht unbedingt etwas Unheimliches, die Assoziation, dass dem Wesen, von dem wir somit gerade noch die ungefähren Ausmaße kennen, etwas passiert sein könnte, stellt sich aber unweigerlich ein. Solche Umrisse sind eines der vielen Elemente, die das Projekt „Incorpo-ratis“ kennzeichnen, das beim Tanz- ist-Festival am Spielboden uraufgeführt wurde und die üblich präsenten Genres Tanz und Musik um die bildende Kunst und den Gesang erweitert. Extrem gefordert zu sein, scheint dem Publikum, dem neben dem Titel, aus dem sich eine Gründung oder ein Zusammenschluss ableiten lässt, wenig Anhaltspunkte geliefert werden, erfreulicherweise immer mehr zu behagen. Nach einem gut einstündigen, intensiven Erlebnis waren der Applaus und der Jubel enorm. Den aus Italien stammenden Choreografen Elio Gervasi wieder einmal in Dornbirn zu wissen, hat man sehr goutiert.

Wertschätzung

Tanz-ist-Macher Günter Marinelli hat mit dem oft in Wien oder am Grazer Opernhaus tätigen Künstler bereits mehrmals zusammengearbeitet. Es ist eine großartige Sache, dass Gervasi anlässlich des 25-Jahr-Jubiläums von „Tanz ist“ Vorarlberg mit einer Uraufführung einer umfangreichen Produktion ein Geschenk machte. Es ist zu hoffen, dass die Verantwortlichen in der Kulturpolitik auch erkennen, welche Wertschätzung diesem regional verankerten Unternehmen von internationaler Seite entgegengebracht wird.

Mit fünf Tänzern, einem Maler und einem Opernsänger wurde das Projekt realisiert, für das das Publikum zwei Seiten einer Plattform umsäumt. Auf der dritten Seite bildet ein riesiges Mauergemälde mit den erwähnten Umrissen den Abschluss, auf der vierten sind es menschliche Körperformen, die zu Schablonen werden und entfernt an die großartigen Skulpturen von Kiki Kogelnik erinnern, jener österreichischen Künstlerin, die als eine der wenigen an die internationale Pop-Art anschließen konnte. 

Das Chaos zu ordnen, was die Protagonisten mit der Anordnung von Stäben oder dem Festkleben solcher Schablonen in einem Bewegungsablauf versuchen, möge nicht gelingen, schießt einem durch den Kopf. Es gelingt auch nicht, denn jede vollzogene Idee setzt wieder neue Energien frei und so befinden sich Federica Aventaggiato, Chiara Corbetta, Riccardo De Simone, Soul Roberts und Lotta Sandborgh mit ihrem Sänger Claudio Covato und dem Maler Valter Esposito in einem fortlaufenden Prozess, bei dem sich – ein wunderbarer Dreh von Gervasi – kein Ende abzeichnet, der das Scheitern außen vor lässt und auf die kreativen Möglichkeiten abzielt. Und diese können nur so unerschöpflich sein, wenn die Künstler in der Lage sind, sich der Herausforderung eines nicht komplett durchchoreografierten Stück derart kompetent zu stellen.

Die Musik schuf Alessandro Vicard mit einer Art Assemblage, für die er auch Strawinskys Jahrhundertwerk „Le sacre du printemps“ mitdenkt, das auch die Tänzer verinnerlicht haben. Der Sänger haut sich improvisierend mitunter etwas stark ins Zeug, aber die Tänzer geben nicht klein bei. „Incorpo-ratis“ ist nicht einfach ein weiterer Versuch, Genregrenzen zu überwinden, die Elemente sind klug, lustvoll, überraschend und mit einer guten Portion Humor ineinander verzahnt.

Weitere Aufführung bei „Tanz ist“: Renate Graziadei und Sergey Zhukov, 9. November, 20.30 Uhr, Spielboden Dornbirn.