Erinnern, bedenken, mahnen mit Musik und Literatur

Kultur / 11.11.2019 • 08:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
„Texte und Töne“ stand im Zeichen des Gedenkens an die Pogrom-Nacht und den Fall der Berliner Mauer. JU, THURNER

Beim Festival „Texte und Töne“ im ORF-Funkhaus wurden in Uraufführungen beklemmende historische Gedenktage aufgearbeitet.

DORNBIRN Die Darstellung der stilistischen Vielfalt der heimischen Neue-Musik-Szene war bisher ein besonderes Merkmal des jährlichen Festivals „Texte und Töne“ im ORF-Funkhaus. Auch heuer gab es am Samstag von 15 Uhr bis Mitternacht den üblichen Aufführungsmarathon mit fünf Uraufführungen bis hin zu Roché Jennys Jazzsuite, doch die Konzentration auf eine künstlerische Auseinandersetzung mit zwei historischen Gedenktagen bescherte der Reihe diesmal eine ihrer bislang spannendsten Ausgaben und einen enormen Imagegewinn. Die Besinnung zur Pogrom-Nacht auf den Tag am 9. November 1938 und zum Fall der Berliner Mauer vor genau 30 Jahren waren starke Themen, die zu ebensolcher Aufarbeitung anregten.

Hauptträger des Geschehens waren auch diesmal zwei versierte heimische Formationen, die zusammen mit Literatur Vorarlberg auch als Kooperationspartner des ORF auftraten. Das auf diese Musik spezialisierte Ensemble plus ist bei diesem Festival im Kammermusikbereich nicht mehr wegzudenken, sechs Jahre lang erfolgreich kuratiert von Andreas Ticozzi, der nun auf eigenen Wunsch an Bratschen-Kollegen Guy Speyers übergab und reichlich bedankt wurde, u. a. mit einem für seine „große Bratsche“ entstandenen Stück seines Freundes Nikolaus Brass. Sebastian Hazod, Geschäftsführer des Symphonieorchesters Vorarlberg, legt heuer mit dem australischen Dirigenten Daniel Linton-France mit feinem Gespür ein Musterbeispiel dafür vor, was es an Schätzen zu entdecken gilt und wie attraktiv diese Werke auf die Musiker und ihr Publikum mit langohrigen Feinspitzen aus dem Land zu wirken vermögen. 

Der Abend wird mit einem jener stimmungsvollen Werke Richard Dünsers eingeleitet, die sich in einer aktuellen, sehr persönlichen Tonsprache gerne auf Gustav Mahler berufen. Die vier Orchesterlieder „Die letzten Dinge“ entstanden 2002 nach Thomas Höft als Keimzelle zu Dünsers späterer Oper „Radek“ (2006) und bringen in stark religiöser Verbrämung Naturstimmungen, zu denen sich der Bariton Martin Achrainer mit feinen stimmlichen Mitteln gesellt. Schon am Nachmittag hat man u. a. Dünsers Orchesterwerk „Landschaft mit Regenbogen“ (2017) in kleiner Besetzung gehört.   

„Wie viel Heimat braucht der Mensch“

Zum unbestrittenen Glanzpunkt wird dann die Uraufführung des Melodrams „Wie viel Heimat braucht der Mensch“ des in Lindau lebenden Psychiaters Nikolaus Brass als Kompositionsauftrag des SOV. Er illustriert in einer klar nachvollziehbaren, behutsam lautmalerischen Tonsprache die aufwühlenden Texte des Schriftstellers Jean Améry, die im Brüsseler Exil entstanden sind und auf die Hohenemser Herkunft seiner Familie und die Abenteuer seiner Migration verweisen. Allein die kluge Art, wie Brass im Gespräch mit Bettina Barnay, die mit Jasmin Ölz durch den Abend führt, den philosophischen Gehalt seines Werkes in der Ambivalenz zwischen verlorener und wiedergewonnener Heimat deutet, wäre einen Essay wert. Hubert Dragaschnig als Sprecher schlüpft mit gebremsten Emotionen umso glaubhafter in diese Figur. Und die etwas altvaterische „Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“ ist darauf wie ein Nachklang, ein von Viktor Ullmann kurz vor seiner Hinrichtung im KZ vertontes Epos, dem Martin Achrainer diesmal als Sprecher die notwendige Blasiertheit verleiht.

Selten sind Wort und Musik so eng beieinander wie in der Szene „Pogrom“ über eine erfundene Begebenheit mit ihren Charakteristika, wie sie sich damals hätte zutragen können und wie sie der Schauspieler Tobias Fend und der Musiker Nikolaus Feinig ausgedacht, bzw. aus Quellen zusammengetragen haben. Der erst 25-jährige Percussionist David Soyza schließt an mit einem Kompositionsauftrag „Down“ des Ensemble plus unter Thomas Gertner als Fanal gegen heutige Mauern im Kopf. Dietmar Kirchner ist noch zu erwähnen, der vor allem mit seinem Stück „Das Unhörbare hörbar machen“ einen Glanzpunkt an klanglicher Raffinesse gesetzt hat. Fritz Jurmann

Rundfunkwiedergabe am 21. und 22. November, 23.05 Uhr, Ö1, „Zeit-Ton“.