So war die Uraufführung von „Antoinette Capet“

Kultur / 15.11.2019 • 16:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
„Antoinette Capet“ von Niklas Ritter wurde am Vorarlberger Landestheater uraufgeführt. LT/ANJA KÖHLER

Die Uraufführung von „Antoinette Capet“ am Vorarlberger Landestheater bietet einige Spannung, lässt aber auch viel, darunter politische Hintergründe, offen.

Christa Dietrich

Bregenz Nach mehreren Biografien und zahlreichen Verfilmungen sowie der Tatsache, dass das Marie-Antoinette-Musical aus der Schmiede von Kunze/Levay aufgrund der totalen Verkitschung in dieser Reihe nicht erwähnenswert ist, gibt es nun also das erste Bühnenstück über die Habsburger Erzherzogin, die aus politischem Kalkül Königin von Frankreich werden musste und schließlich unter der Guillotine endete. „Antoinette Capet“ nennt der deutsche Autor und Regisseur Niklas Ritter sein Werk, das am Vorarlberger Landestheater uraufgeführt wurde, mit sehr viel Musik daherkommt, aufgrund der Machart und der Verausgabung der Schauspieler während der fast dreistündigen Dauer auch kaum abflaut, aber eines nicht einlöst, nämlich die Fokussierung auf die Tatsache, dass mit der Erklärung der Menschenrechte kurz nach dem Sturm auf die Bastille ein grundlegender gesellschaftlicher Wandel in Gang gesetzt wurde.

Diese Absicht habe er seiner Arbeit vorangestellt, brachte Ritter im Gespräch vor der Uraufführung noch zum Ausdruck. In der Umsetzung des manierlich verfassten, auf guter Recherche begründeten Textes (die berühmt gewordene Biografie von Stefan Zweig ist diesbezüglich immer noch brauchbar) ist abgesehen von einem Menschenrechts-Rap aber nicht viel davon bemerkbar. Der Rap-Text wurde zudem auf Französisch gesungen. Die Komplexität des Inhalts dürfte nicht von vielen verstanden worden sein, während die meisten wohl die Eckdaten von Marie Antoinettes Leben (1755-1793) intus haben.

Wenig akzentuierte Hintergründe

Die Motive, die zur Realisierung dieses Werks im Rahmen eines Spielplanes führten, der auch dem Wesen der Demokratie gewidmet ist, sind nach der Premiere somit kaum ergründbar. Man habe sich bislang amüsiert, lautete der Tenor in der Pause, am Ende dürfte Betroffenheit dazugekommen sein, Ines Schiller wächst in der Haft-Szene zu einer stillen Größe heran, die jedem Goethe’schen Gretchen zur Ehre gereicht hätte. Dass die Widersacher von Marie Antoinette nicht so sehr die zu diabolischer Größe herangewachsenen Protagonisten des Revolutionstribunals waren, die auch vor der Andichtung eines Kindesmissbrauchs nicht zurückschreckten, um die Königin aufs Schafott zu bringen, sondern jene Adeligen und jene Kleriker, die Ende des 18. Jahrhunderts nicht bereit waren, zumindest auf einen kleinen Teil ihrer Privilegien zu verzichten, wird leider etwas wenig akzentuiert. Die Halsband-Affäre unerwähnt zu lassen, ist sicher nicht das Problem, aber Louis XVI. durchwegs als gefräßigen Trottel zu karikieren und die anfängliche Lendenlahmheit derart auszubreiten, während die politischen Probleme, die schließlich zur Katastrophe führten, fast gänzlich verkümmern, rückt die Inszenierung trotz guter, von Tilman Ritter und fast dem gesamten Ensemble mitverantworteten musikalischer Elemente auf eine fast schon seichte Ebene.

Dabei hat die Ästhetik der Umsetzung etwas. Ein kleines verschiebbares Podium, das Niklas Ritter und Justus Saretz als Zimmer, Kutsche, Pavillon, Thron und schließlich als Schafott entworfen haben, sowie ein riesiger Luster, der zum Gefängnis wird, sind gut gewählte und eingesetzte Elemente. Neben den Rokoko-Röcken verweisen schlichte Kostüme und Uniformen auf die Gegenwart oder gar Diktaturen im 20. Jahrhundert und die Instrumente sind ohnehin präsent. Neben Ines Schiller haben die Schauspieler durchwegs mehrere Rollen zu spielen. Felix Defèr ist als Axel von Fersen, Louis XV., Joseph II., Höfling etc. im Dauereinsatz und hat sehr starke Momente, Jan Kersjes wird als Louis XVI. hingegen, wie erwähnt, einiges Holzschnittartiges auferlegt.

Halbwegs akzeptabel

Was bleibt, ist ein Aufrollen von Mechanismen, das vielleicht auch etwas stark auf Jugendstück getrimmt ist. Das ist durchaus unterhaltsam, angesichts der Tatsache, dass wir hier auf ein Königspaar blicken, dem fast noch im Kindesalter enorme Verantwortung aufgebürdet wurde, auch halbwegs akzeptabel, bei allem Respekt vor den schauspielerischen Leistungen würde man dem Leading-Team aber gerne erläutern, dass das österreichische Publikum, das die Adelstitel im Übrigen längst abgeschafft hat und diesbezüglich etwas verwundert in die deutsche Nachbarschaft blickt, bezüglich „Antoinette Capet“, wie Marie-Antoinette von ihren Anklägern genannt wurde, höhere Ansprüche hegt. Stefan Zweig hat sie auf seine Weise einigermaßen erfüllt, Sofia Coppola machte die Figur in ihrem Prunk-Film zum Testimonial der Pariser Nobelkonditoren. Niklas Ritter bedient sich bei beiden, bietet viel Buntheit, aber so gut wie nichts Neues.  

Weitere Aufführungen bis März nächsten Jahres am Vorarlberger Landestheater: www.landestheater.org