Arbeit im besten Sinn als etwaige Alternative

Kultur / 15.11.2019 • 19:18 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Hans Platzgumer hat sich als Musiker und Schriftsteller längst einen Namen gemacht. VN/Steurer
Hans Platzgumer hat sich als Musiker und Schriftsteller längst einen Namen gemacht. VN/Steurer

Hans Platzgumer im Gespräch über seinen neuen Essayband über das Erfahren von Wirklichem.

Bregenz „The sun is up, The sky is blue, It‘s beautiful, And so are you“, heißt es in John Lennons Song „Dear Prudence“. Lennon schrieb den Song im nordindischen Rishikesh, wo sich die Beatles im Frühjahr 1986 in transzendentaler Meditation unterrichten ließen. Mit dabei waren damals auch Mike Love (Sänger der Beach Boys), der Folk-Musiker Donovan, die Schauspielerin Mia Farrow sowie deren Schwester Prudence. Letztere litt unter depressiven Verstimmungen und sehnte sich danach, die Wirklichkeit zu verlassen, die sie so quälte. Sie verbrachte Stunden im abgedunkelten Meditationsraum. Lennon wollte Prudence mit seinem Lied aufheitern und herauslocken, um ihr zu zeigen, dass die Wirklichkeit, bei all ihrem Schrecken, dem Menschen zumutbar, mehr noch, schön ist: „Dear Prudence, Won‘t you come out and play“.

Rund 50 Jahre nachdem Lennon „Dear Prudence“ schrieb und pünktlich zu seinem 50. Geburtstag unterbreitet uns der Musiker und Schriftsteller Hans Platzgumer dasselbe Angebot und erzählt in seinem neuen Essayband „Willkommen in meiner Wirklichkeit!“, warum es uns auch gut gehen darf. Platzgumer hält inne und sendet John Lennon Grüße ins Jenseits, gleichzeitig wagt er einen Streifzug durch die Wirklichkeit des Jetzt, seines Jetzt. Es geht ihm um „das direkte, hautnahe Erfahren von Wirklichem.“ Und dieses war in den letzten Jahren vielfach geprägt von einem düsteren, zynischen und visionslosen Weltbild, wie Platzgumer selbst im Gespräch festhält: „Mir ist in den letzten Jahren immer mehr aufgefallen, dass sich meine Sicht auf die Welt zunehmend desillusioniert hat. Und mir ist auch aufgefallen, dass in meinem gesamten Umfeld ein immer düstereres Weltbild vorherrscht.“ Die Welt scheint voller Probleme und Malheure: Elend, Gewalt, unfassbares Leid und kaum hinzunehmende Ungerechtigkeiten.

Wechsel der Perspektive

Das Resultat: Wie Prudence damals auch suchen wir uns heute Parallelwelten, in denen sich der Schmerz über die Welt allem Anschein nach bequemer aushalten lässt: „Aufgrund der momentan vorherrschenden Perspektivenlosigkeit klinken wir uns immer mehr aus der Welt aus, die wir gemeinsam beleben. Der digitale Fortschritt hat dazu beigetragen, weil er es uns wahnsinnig leicht macht, aus einer feindseligen und bedrohlichen Welt auszusteigen. Wir können uns in schönere, polierte Parallelwelten begeben,“ so Platzgumer. Er selbst begibt sich derweil in die Philosophie, und zwar zum Kapitalismus- und Konsumismuskritiker Guy Debord. Dieser beschrieb bereits 1967 in seinem Buch „Die Gesellschaft des Spektakels“, dass sich der Mensch vom Sein zum Haben und schließlich zum Scheinen entwickle. Oder anders gesagt: „Wir simulieren unser Dasein, verlassen eine Wirklichkeit, die uns direkt umgibt, und retten uns in Scheinwelten, in denen wir alles sein, tun und sagen können, was die Wirklichkeit nicht erlaubt.“ Doch um aus dieser Welt einen besseren Ort zu machen, müssen wir uns in der wirklichen Wirklichkeit positionieren; denn die Welt ist auch wunderschön und wer sich für die Verbesserung dieser einsetzen möchte, muss die Schönheit des Moments erkennen. „Nur wenn wir uns der realen Wirklichkeit wieder zuwenden und den Blick öffnen für die schönen Dinge in der Welt“, so Platzgumer, „kann ein kollektives Umdenken stattfinden. Ich glaube, der Ausweg aus unserer momentanen Situation ist der Wechsel der Perspektive. Wir brauchen Gegenerzählungen.“

Die vielleicht beste Technik, um sich der unmittelbaren Wirklichkeit wieder zu bemächtigen, sieht Platzgumer in der Ausübung von Arbeit. Wirklich? Ein Konzept, das in der kapitalistischen Moderne für so viel Ausbeutung steht? Doch Platzgumer meint Arbeit vielmehr im Sinne John Lennons, also als das Spielerische. „Auch John Lennon empfahl Prudence, die sich in spirituellen Sphären verlor, die Arbeit als Möglichkeit, wieder in die Wirklichkeit zurückzugelangen. Won´t you come out and play, sang er.“ Lennons Arbeit war das Spielen, das Musizieren oder anders gesagt die Muße. Diese machte ihm nicht nur die Wirklichkeit greifbarer, sondern die Welt auch zu einem besseren Ort. Damit erhielt er die Gewissheit: Die Welt ist schön; wie auch Platzgumers Buch.

„Wir simulieren unser Dasein, verlassen eine Wirklichkeit und retten uns in Scheinwelten.“

Zur Person

Hans Platzgumer

Geboren 1969 in Innsbruck

Tätigkeit Schriftsteller, Musiker

Wohnort Lochau

Arbeiten Dutzende Alben, Theatermusiken für verschiedene deutschsprachige Bühnen („Die Empörten“ von Theresia Walser wurde bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt und läuft ab Jänner 2020 in Stuttgart), mehrere Bücher, darunter „Trans Maghreb“, „Korridorwelt“, „Am Rand“, „Drei Sekunden Jetzt“, „Willkommen in meiner Wirklichkeit!“

Buchtipp: „Willkommen in meiner Wirklichkeit!“, Essays von Hans Platzgumer, mit Illustrationen von Christoph Abbrederis, Milena Verlag.