Kunst im Zeitalter der digitalen Vervielfältigung

Kultur / 17.11.2019 • 17:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Die Werke von Frigesch Lampelmayer entstehen lediglich durch die Bewegung der Kamera, ohne jegliche Verfremdung am Computer.

Das „Forum für aktuelle Kunst“ zeigt in der Villa Claudia künstlerische Arbeiten von Vorarlberger Berufsfotografen.

Feldkirch Unter dem Begriff „optisch-unbewusst“ beschrieb der Philosoph Walter Benjamin in den 1930er-Jahren neue Formen der menschlichen Wahrnehmung. Vor allem im Zuge der technischen Möglichkeiten der Kamera habe sich laut Benjamin die menschliche Art des Sehens und Erfahrens verändert, und damit im weiteren Sinne auch die soziale Funktion von Kunst. Heute, rund 80 Jahre nachdem er seine Gedanken über die technische Vervielfältigung von Kunst niederschrieb, erleben wir aufgrund der Digitalisierung erneut eine Revolution der Reproduzierbarkeit von Raum und Zeit, also von Film und Fotografie.

Welche Möglichkeiten diese Revolution der gegenwärtigen Fotografie eröffnet, zeigt aktuell eine umfangreiche Schau von Vorarlberger Berufsfotografen in der Villa Claudia in Feldkirch. So präsentiert die Ausstellung unter dem Titel „I don´t take pictures. Pictures take me. Zeitgenössische Fotografie im Spannungsfeld zwischen Kunst und Kommerz“ die ganze Bandbreite künstlerischer Ausdrucks- und Stilmöglichkeiten der derzeitigen Fotografie. In rund 20 Werkblöcken öffnet sich dabei ein breiter Genremix aus Porträt, Architektur, Landschaft sowie Dokumentation, aber auch Fotografik und Abstraktion, wie beispielsweise in der Serie „Spurensuche“ des in Schruns geborenen Werbefotografen Frigesch Lampelmayer. Seine abstrakten Bilder entstehen lediglich durch die Bewegung der Kamera, ohne jegliche Verfremdung am Computer. Die reine Abbildung der realen Welt wird bei Lampelmayer dabei immer wieder konventionell aufgebrochen und geht bisweilen in eine nahezu surreale, also überrealistisch anmutende Bildhaftigkeit über – das „Optisch-Unbewusste“. Dieses sucht auch Michael Kreyer in seinen Arbeiten. Kreyer findet es im spielerischen Umgang mit Linien, Licht und Schatten, den er auf die Darstellung scheinbar banalster Alltagsgegenstände überträgt. Kreyers alltägliche Dinge sind jedoch alles andere als banal; denn sie schaffen bewusste Leerstellen, die es vom Betrachter zu schließen gilt – ein wesentliches Merkmal jeglicher Kunstform, nicht jedoch ein wesentliches Qualitätsmerkmal einer ganzen Ausstellung.

Michael Kreyers alltägliche Dinge sind alles andere als banal.
Michael Kreyers alltägliche Dinge sind alles andere als banal.

So kämpft die Ausstellung trotz ihrer Qualitäten im Einzelnen im Ganzen bisweilen mit ihrem semantischen Aufbau, mit ihrer inhaltlichen Kohärenz; denn einen Dialog zwischen den einzelnen Werkblöcken sucht der Besucher vergeblich. Es entsteht der Eindruck einer inhaltlichen Beliebigkeit, was den Anspruch des Rezipienten auf Lesbarkeit mitunter unberücksichtigt lässt. Obgleich die einzelnen Beiträge zumeist wichtige und gehaltvolle Statements zum aktuellen Zeitgeist liefern, bleiben sie im Ganzen der Ausstellung letztlich lose, ja kontextlose Aussagen, die den Betrachter keine Stellung beziehen lassen. So reicht das inhaltliche und motivische Spektrum der Ausstellung von Mystik, Erotik und Traum über Orte bzw. Nicht-Orte bis hin zu Vergänglichkeit, Ungleichheit und Macht. Bereiche, die sich in einer einzelnen Ausstellung mit einem roten Faden schlicht nicht verbinden lassen. Diesen bräuchte es im Interesse der Erkenntnis jedoch zwingend. Die inhaltliche Tiefe wird letztlich der inhaltlichen wie ästhetischen Breite geopfert, oder den Worten Walter Benjamins zur Folge der sozialen Funktion als einer zentralen Aufgabe von Kunst, im Unterschied zum Kommerz. Claudio Bechter