Ein Werk, das von Mozart sein könnte

Kultur / 18.11.2019 • 22:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Die Vorarlberger Erstaufführung des Werkes am Sonntag in der vollbesetzten Oberdorfer Kirche hinterließ beim Publikum einen ganz tiefen Eindruck.  JURMANN

Dagmar Marxgut hat ein 200 Jahre altes Requiem für ihr Ensemble „Kontrapunkt“ entdeckt.

DORNBIRN „Als wär’s ein Stück von mir“ hätte Wolfgang Amadeus Mozart wohl über das Requiem des heute total unbekannten brasilianischen Komponisten José Mauricio Nunes Garcia gesagt, das 25 Jahre nach seinem eigenen Requiem entstanden ist und neben mehrfachen gestalterischen Parallelen auch im direkten Vergleich eine exzellente kompositorische Qualität aufweist. Diese Musik, die nach Mozart klingt, aber nicht von Mozart stammt, ist das neueste Fundstück der engagierten Dornbirner Chorleiterin Dagmar Marxgut, die seit Jahren mit feinem Instinkt nach Entdeckungen geistlicher Chormusik für die jährlichen Konzerte ihres Ensembles „Kontrapunkt“ forscht. Die Vorarlberger Erstaufführung des Werkes am Sonntag in der vollbesetzten Oberdorfer Kirche hinterließ beim Publikum einen ganz tiefen Eindruck.       

Der in Rio de Janeiro geborene Garcia (1767 – 1830) wurde Priester und genoss als Komponist zunächst die Zuneigung des geflüchteten portugiesischen Prinzregenten, bis er wegen seiner dunklen Hautfarbe und seiner Beziehung zu einer Frau diskriminiert wurde. Als Autodidakt kam er erst mit europäischer Musik in Kontakt, nachdem der Großteil seines geistlichen Schaffens bereits vollendet war, darunter auch seine Missa de Réquiem in d-Moll von 1816 als Hauptwerk. Dennoch muss er schon damals Mozarts Requiem gekannt haben.

Klangschöner Chor

Es sind nicht so sehr wörtliche Zitate, die man bei ihm findet, es sind der Geist und das Können des Salzburgers, die in der elfteiligen lateinischen Totenmesse des Brasilianers weiterleben, im Erfindungsreichtum des fugierten Kyrie oder seiner wunderbar lyrischen Melodien wie dem Benedictus oder dem Agnus. Aber auch die Schrecknisse der letzten Tage finden im Dies irae ihre Entsprechung, so wie Garcia das persönlich nachempfunden hat. Jedenfalls ist der leistungsstarke und klangschöne Chor bei diesem Werk stark gefordert, agiert gut vorbereitet und dynamisch. Seine fast ständige Präsenz wird im klug dosierten Dirigat von Dagmar Marxgut wunderbar fließend in Balance zum sicher begleitenden 18-köpfigen Instrumentalensemble gebracht, dabei auch der intensive Stimmungsgehalt des Werkes zwischen Trauer, Trost und gläubiger Zuversicht auf die Verheißungen des Paradieses ausgeschöpft.  

Ein luxuriös besetztes Solistenquartett hat in fein gesponnenen Arien und als homogenes Ganzes zusätzliche Glanzlichter parat. Da ist die in Zypern geborene und in Wien lebende, längst international gebuchte Zoe Nicolaidou als lyrische Sopranistin von Sonderformat und tragende Säule, warm leuchtend und mit strahlenden Spitzen in ihrer Arie Ingemisco. Große Erfahrung im überregionalen Oratorien- und Liedbereich haben auch ihre Partner, die Wolfurter Altistin Martina Gmeinder in milder Abgeklärtheit im Glauben, der am Theater St. Gallen und bei der Schubertiade tätige Tenor Nik Kevin Koch mit unangestrengter stimmlicher Leichtigkeit und der Dornbirner Bass Michael Schwendinger in kraftvoll überzeugenden Einsätzen.        

Die Nähe dieses Requiems zu Mozart hat Dagmar Marxgut veranlasst, mit einem verspielten Divertimento in B den Originalvergleich mit Mozart zu wagen. Das Finale aber gehört wieder Garcia, diesmal mit Ausschnitten aus seinen Responsorien, die er 1816 zum Tod seiner Mutter schrieb. Diese religiös betrachtenden, mit großer Meisterschaft komponierten Wechselgesänge um Tod und Auferstehung geben den Ausführenden Gelegenheit, in großer Inbrunst und tiefem Glauben weitere Facetten ihres Könnens zu zeigen. Fritz Jurmann