Der andere Bach ist eine Klasse für sich

Kultur / 20.11.2019 • 19:24 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

„Gli Incogniti“ gestalteten Highlight der Konzertszene
am Bodensee.

Lindau Vor Kurzem konnte man in Lindau den Flötisten Maurice Steger hören, nun war das renommierte Alte-Musik-Ensemble „Gli Incogniti“ mit seiner Leiterin, der französischen Barockgeigerin Amandine Beyer, zu erleben. Da gab es nichts von Novemberbesinnlichkeit: Unter dem Motto „Sturm und Drang“ fegten die Werke von Carl Philipp Emanuel Bach tatsächlich wie ein Sturm durch den Kirchenraum von St. Stephan, ergänzt von Kompositionen von Haydn und Franz Xaver Richter. Der zweite Bach-Sohn Carl Philipp Emanuel war zu seiner Zeit viel berühmter als sein Vater. Als Mozart sagte: „Er ist der Vater, wir die Bub‘n. Wer von uns was Rechtes kann, hat von ihm gelernt“, meinte er nicht Johann Sebastian, sondern ihn. Gewidmet war das Programm dem musikliebenden Baron Gottfried van Swieten, der mit Haydn und Mozart befreundet war. Schon die einleitende Sinfonie Nr.1 in B-Dur von F. X. Richter, so richtige Gute-Laune-Musik des 18. Jahrhunderts, brachte die Qualitäten der „Incogniti“ zur Geltung: sprechende Artikulation, perlende Läufe, lyrisch-ausschwingende Melodien. Ganz anders die Anforderungen dann bei C. Ph. E. Bach: Seine leidenschaftliche Rhetorik, die zerrissenen Linien und großen Intervallsprünge und die rasenden Tempi in seinen Sinfonien stellten an das reine Streicherensemble mit Cembalo hohe technische Anforderungen, gerade was die Präzision der Einsätze und des Zusammenspiels betrifft.

Eine Spur verwegen

Auch das Publikum war durch diese experimentellen Kompositionen aus dem 18. Jahrhundert gefordert: da gab es kein gemütliches Versinken im Wohlklang, sondern ständig unerwartete Wendungen und schroffe Abbrüche. Für das Gehirn ist das intensive Hören dieser Musik sicher ein gutes Training. Amandine Beyer war eine Klasse für sich. Souverän, elegant und auch eine Spur verwegen war sie die Impulsgeberin: präzis im kleinsten Detail und dennoch die großen Linien durchziehend. Als Solistin in Haydns G-Dur Violinkonzert brillierte sie mit sehnsüchtig-silbrigem Geigenklang und fetzigen Läufen. Wie sie die Verzierungen gestaltete oder die schnellen Läufe aus dem Handgelenk schüttelte, immer mit harmonischen Bewegungen, nie abgerissen oder steif, war auch zum Anschauen eine Wonne. Enttäuschend war nur C. Ph. E. Bachs Cellokonzert in a-moll, mit dem Orchestermusiker Marco Ceccato als Solisten, der viel zu wenig gestaltete. „Gli Incogniti“ („Die Unbekannten“) haben mit diesem Abend am Bodensee eine eindrucksvolle Visitenkarte hinterlassen.