Köhlmeier über sein Bühnenstück: Eines über Gott und die Welt

Kultur / 21.11.2019 • 07:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Szene aus „Lamm Gottes“: Hubert Dragaschnig und Michael Köhlmeier verbindet seit Jahrzehnten eine Künstlerfreundschaft. VN/PAULITSCH

„Lamm Gottes“ von Michael Köhlmeier wird vom Theater Kosmos in Bregenz uraufgeführt.

Christa Dietrich

Bregenz Für die Bühne hat sich Michael Köhlmeier stets rar gemacht. Er ist einer der bekanntesten Erzähler im deutschsprachigen Raum, in erster Linie Prosa- und ab und zu Hörspielautor und hat als solcher vor allem mit Augustin Jagg und Hubert Dragaschnig gearbeitet. Die „Scheffknecht und Breuß“-Reihe ist dem Vorarlberger Publikum sicher bestens in Erinnerung. Wer erst später ins Land kam, der nahm das international ausstrahlende „March Movie“ – mittlerweile ein Klassiker – mit großem Vergnügen wahr und hat den Dornhelm-Film „Der Unfisch“ nach einem Drehbuch von Michael Köhlmeier gesehen. Sich nun nach dem Erscheinen von weiteren großen Romanen wie „Abendland“, „Die Abenteuer des Joel Spazierer“, „Zwei Herren am Strand“ oder „Bruder und Schwester Lenobel“ vergewissern zu können, dass das neue Bühnenstück „Lamm Gottes“ nicht nur im Theater Kosmos uraufgeführt, sondern von Augustin Jagg inszeniert wird, während Hubert Dragaschnig mitspielt, erhöht die Spannung.

Beginn einer Künstlerfreundschaft

Dragaschnig sei Ende der 1970er-Jahre einmal einfach vor seiner Tür gestanden und habe ihm Gedichte mit der Bitte unterbreitet, sie durchzulesen, erinnert sich Köhlmeier im Gespräch mit den VN an den Beginn einer Künstlerfreundschaft. Jedes Gespräch mit dem kreativen Menschen, der gar keinen künstlerischen Beruf erlernt hatte, aber Schauspieler wurde, weil es seinem Talent entsprach, sei ein Gewinn gewesen. Dragaschnig konnte ihm jedes Mal vermitteln, dass das Schaffen von Literatur, Musik, bildender Kunst und Theater, Sinn macht. Köhlmeier: „Selbst zweifelt man ja oft daran.“ Dragaschnig hat auch am neuen Stück „Lamm Gottes“, vor allem an der Ausführung der Figur eines Predigers, mitgearbeitet.

Ein zentrales Motiv in „Lamm Gottes“ ist eines, das bei Köhlmeier – man denke etwa an die Erzählung „Sunrise“ – öfter auftaucht, nämlich der Deal mit dem Tod. Die Bühne biete die Möglichkeit, Allegorien aufzurufen, bei den großen Themen komme man der Sache näher, wenn man in Symbolen oder Allegorien denke. „In der ,Tatort‘-Wirklichkeit ist ein toter Mensch eine Sache, damit finden wir uns aber nicht ab, das scheint uns so fern.“

„Wenn wir zur Auffassung kommen, dass sich alles materialisieren lässt, dann müssen wir auch den Gedanken aufgeben, dass der Mensch mehr als eine verwertbare Materie ist.“

Michael Köhlmeier, Schriftsteller

Angesichts eines Stücks, in dem sozusagen über Gott und die Welt diskutiert, in dem über Menschwerdung, Fressen und Gefressenwerden gesprochen wird, stellt sich die Frage, ob es für Michael Köhlmeier einen Gott gibt. Die Frage sei so privat wie jene nach der Sexualität, bemerkt der Autor, bei diesem Stück zu sagen, es hätte mit Religion nicht zu tun, wäre aber falsch. Man solle seine Sicht allerdings auch nicht als Alterserscheinung werten, erklärt Köhlmeier, der vor wenigen Wochen seinen 70. Geburtstag feiern konnte, ein Gedanke habe ihn nämlich immer schon begleitet, denn, wenn wir zur Auffassung kommen, dass sich alles materialisieren lässt, dass wir alles aus betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten sehen können, dann müssen wir auch den Gedanken aufgeben, dass der Mensch mehr als eine verwertbare Materie ist, „dann sind wir verwertbar und das ist ein unerträglicher Gedanke, der mich zurück zur Religion führt.“

Einmal verweist er in diesem Stück auch auf den Schriftsteller und Satiriker Jonathan Swift, der den Vorschlag, wie man der Ökonomie auf die Beine helfen könnte, bis zu jener Konsequenz ausführte, dass es der Nutzen der Kinder von sehr armen Leuten sein könnte, noch im Säuglingsalter und bevor sie Kosten verursachen,  den Wohlhabenden als Nahrung zu dienen. Dass der Mensch in gewisser Weise bzw. im kapitalistischen System nicht mehr ist als Ware, oder dass er dann auch zur Ware wird, wenn er gezwungen ist, seine Arbeitskraft zu verkaufen, habe Swift damit schon vor Marx ausgeführt. Der Tod hingegen sei keine Ware, sondern die Auslöschung von allem. Der Tod und der Teufel im Mysterienspiel seien somit auch so etwas wie letzte Bastionen gegen eine Warenwelt.

„Lamm Gottes“ wird am 21. November im Theater Kosmos in Bregenz uraufgeführt. Aufführungen bis Mitte Dezember: theaterkosmos.at