Es braucht wieder so einen Nolde

Kultur / 21.11.2019 • 20:30 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Reinhold Luger hat unter anderem 20 Jahre lang alle Festspielplakate entworfen. VN/HARTINGER

Ausstellung „Grafische Provokation“ mit Arbeiten von Reinhold Luger im Vorarlberg Museum bildet Vorarlberger Kulturgeschichte ab.

Christa Dietrich

Bregenz Friedhofsstille habe Reinhold Luger festgestellt, als er nach dem Studium in Innsbruck und Wien wieder nach Vorarlberg zurückkehrte. Das war in den späten 1960er-Jahren, in denen man von positiven gesellschaftlichen Veränderungen, die in anderen europäischen Ländern vonstatten gingen, noch nicht viel gemerkt hatte. Als die denkfähigen jungen Menschen dann endlich gegen die konservativen Strukturen, gegen Chauvinismus, Verdrängung des latenten Faschismus oder einen sehr engen Kulturbegriff und die grundsätzliche Frauenfeindlichkeit im Land aufmuckten, war Reinhold Luger vorne dabei. Veranstalter wie den Initiatoren und Organisatoren der Randspiele, des Flint-Festivals sowie den Leitern des Polit-Kabaretts Wühlmäuse (das im Übrigen bis heute keine Nachfolger gefunden hat) stellte sich der gebürtige Silbertaler (Jahrgang 1941) als kreativer Geist zur Verfügung. Die Plakate und Programmhefte, die im Gegensatz zu heute die wichtigsten Werbe- und Informationsträger waren, sind mittlerweile legendär. Ein Zeigefinger, der sich über die Berggipfel bis zum Schriftzug „Morarlberg“ erstreckt, gilt quasi als Symbol dieser Zeit.

Unter dem Titel „Grafische Provokation“ wird Lugers OEuvre nun in einer Sonderausstellung im Vorarlberg Museum in Bregenz erfahrbar. Kuratiert von Theresia Anwander, Thomas Feurstein und dem Grafiker selbst, wurde sie gemeinsam mit der Landesbibliothek realisiert, die seit einiger Zeit den Vorlass von Reinhold Luger verwaltet. Das Abschreiten der informativ gestalteten Räume, in denen die Besucher auch einmal die unter verschiedenen Begriffen gestalteten Plakate als Wandbilder abrufen können, wird zur Auseinandersetzung mit der Vorarlberger Kulturgeschichte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Auf den Punkt gebracht

Die Plakat-Arbeiten von Reinhold Luger, der sich als Nolde Luger im Gedächtnis verankert hat, waren allgegenwärtig, manchmal aufgrund der grafischen Ästhetik leicht auf den Urheber zurückzuführen, aber dann doch immer wieder anders, immer wieder überraschend, aber auf jeden Fall führten sie das, was beworben werden sollte, in ein markantes Bild zusammen, vor allem, wenn man die Festspielplakate betrachtet, die in der Zeit des Intendanten Alfred Wopmann, das heißt zwischen 1984 und 2003 entstanden sind. Man kam zur Ansicht, dass ein Werk wie „Mazeppa“, „La Wally“, „Der fliegende Holländer“, „Francesca da Rimini“ oder vor allem „Fidelio“ gar nicht anders zu verbildlichen ist, als so, wie es Reinhold Luger gelang, wenn er beispielsweise die bildende Kunst der geografischen Verortung oder der Handlungszeit eines Werks heranzog oder ein spezielles Motiv einer Oper, mit der er sich jeweils intensiv auseinandersetzte, auf den Punkt brachte. Was Nolde Luger diesbezüglich ebenfalls auszeichnet, ist, dass er einen unverkrampften Zugang zu einem abstrakten Begriff zeigte, der gerade jetzt von Architekten, Designern und Grafikern wieder diskutiert wird, nämlich zur Schönheit.    

Wenn man mittlerweile weiß, dass er einst ausgerechnet mit einer Mappe mit Arbeiten für die damalige Subkultur beim Festspiel-Intendanten antanzte, um sich als Vermittler von Opern zu bewerben, wird erneut deutlich, welcher fortschrittliche Geist beim Kulturunternehmen am Bodensee waltete. Im Gespräch mit den VN brachte Reinhold Luger einmal zum Ausdruck, dass er mit Alfred Wopmann, einem Wahrheitssucher, wie er ihn nannte, schnell eine gemeinsame Sprache fand. Das Logo und die erwähnten Plakate zeugen davon.

Wesentliche Fragen

Abgesehen vom Leitsystem und der Ausstattung der Stadt- und Landbusse in Vorarlberg, das nun, beinahe 30 Jahre nach den Entwürfen noch als beispielhaft gilt, enthält die Ausstellung auch einige Erinnerungsstücke, die wesentliche Fragen aufwerfen. Das Eintreten für einen breiten Kulturbegriff oder vor allem der – wenn auch lange erfolglose – Einsatz für die Etablierung von Hochschuleinrichtungen im Land, die die Politik für verzichtbar erachtete, ist Reinhold bzw. Nolde Luger hoch anzurechnen. Die erneute Darstellung der Aktionen seiner Mitstreiter ist zwar informativ, trägt inzwischen aber auch eine allzu nostalgische Patina. Die Altherrenrunde, die sich gegenseitig auf die Schultern klopft, weil man Vorarlberg einst, das heißt, vor etwa vier Jahrzehnten, vom konservativen Muff befreite, kann rasch zum lächerlichen Bild verkommen. Auch wenn sich sehr viel verändert hat, auch wenn ein Ruck durch die Gesellschaft ging, möchte man angesichts der gegenwärtigen Saturiertheit und Genügsamkeit doch feststellen, dass es im Land längst wieder einen Nolde braucht. Vielleicht macht ihn das Vorarlberg Museum irgendwo aus, das zur guten neuen Ausstellung ein umfangreiches Rahmenprogramm anbietet (am 21. Jänner findet auch ein Gespräch mit Alfred Wopmann statt), zu dessen Aufgaben aber nicht nur der Rückblick, sondern auch Ausblicke zählen.

Die Ausstellung wird im Vorarlberg Museum in Bregenz am 22. November, 17 Uhr, eröffnet und ist bis 13. April zu sehen.