Schicksale, die unter meterhohem Schutt ausgegraben wurden

Kultur / 22.11.2019 • 21:23 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Jüdisches Armenhaus in der Israelitengasse (heute Jakob-Hannibal-Straße) in Hohenems um 1900. Es wurde im Jahr 1924 der Gemeinde geschenkt. Jüdisches museum
Jüdisches Armenhaus in der Israelitengasse (heute Jakob-Hannibal-Straße) in Hohenems um 1900. Es wurde im Jahr 1924 der Gemeinde geschenkt. Jüdisches museum

Haus der Geschichte Österreich zeigt Ausstellung, deren Thema auch nach Vorarlberg führt.

Christa Dietrich

Wien, Hohenems Laut Zeugenaussagen hat sich Gisela Figdor lautstark gewehrt, als sie von ihrer Zwangsumsiedelung von Hohenems nach Wien erfuhr. Das war im Jahr 1940. Die Frau hatte schon zuvor ein hartes Schicksal zu ertragen. Im Jahr 1882 in Wien geboren, kam sie nach der Scheidung der Eltern noch als Kleinkind mit ihrer Mutter Alwine nach Hohenems. Dort bewohnten sie das Armenhaus in der Israelitengasse, das, gestiftet von Josef und Clara Rosenthal, für Bedürftige eingerichtet wurde. Weil die acht Zimmer kaum noch gebraucht wurden, löste man die Einrichtung im Jahr 1924 auf und schenkte das Gebäude bzw. die Liegenschaft der Gemeinde Hohenems. Dabei wurde aber vertraglich festgehalten, dass die ärmsten Mitglieder der Jüdischen Gemeinde nicht nur einen Anspruch auf einen Platz im katholischen Versorgungsheim haben, sondern dass ihnen auch Hilfe in jenem Ausmaß zukommt, der ihnen in der ehemaligen Unterkunft zuteil wurde.

Laut Quellen aus dem Stadtarchiv und der Friedhofs-Datenbank starb Alwine Figdor im Jahr 1931 und wurde noch auf dem Jüdischen Friedhof in Hohenems beerdigt. Die Tochter Gisela sei, so die Daten, die das Jüdische Museum verwaltet, arm und seelisch angegriffen zurückgeblieben. Sie war auf Fürsorge angewiesen. In der Zeit, in der die Juden aufgrund der Bedrohung zur Flucht gezwungen waren und Vorarlberg verließen, in den Jahren des immer stärker werdenden Antisemitismus dürfte es Gisela Figdor besonders schwer gehabt haben. Im Zuge der Anstrengungen des damaligen Hohenemser Bürgermeisters, unbedingt auch noch die letzten Juden zu deportieren, wurde sie im Jahr 1940 nach Wien verfrachtet. Im Jänner 1942 ist sie dort verstorben. Seit wenigen Jahren erinnert ein Gedenkstein in Hohenems auch an Gisela Figdor.

Aufschlussreiche Fundstücke

Nacherzählt vom Historiker Raphael Einetter, einem Mitarbeiter im Jüdischen Museum in Hohenems, wird das Schicksal von Gisela Figdor nun auch in der Sonderausstellung „Nicht mehr verschüttet. Jüdisch-österreichische Geschichte in der Wiener Malzgasse“ im Haus der Geschichte Österreich zugänglich gemacht. Dort, wo sich einst jenes „Siechenheim“ befand, in dem die Frau aus Hohenems starb und das für viele Zwangsumgesiedelten die letzte Station vor der Deportation in ein Vernichtungslager war, fanden im Jahr 2018 Grabungen statt, weil man Kellerräume entdeckte, die mit Schutt aufgefüllt waren. Dabei konnten Fundstücke sichergestellt werden, die die Bedeutung des Ortes, an dem sich mittlerweile wieder Bildungseinrichtungen der Israelitischen Kultusgemeinde befinden, belegen. Ende des 19. Jahrhunderts befand sich an dieser Stelle eine Talmud-Thora-Schule, später kamen ein Jüdisches Museum und eine Synagoge hinzu. Schon vor der Pogromnacht im November 1938, in der SA-Angehörige die Schule und die Synagoge zerstörten, wurde das Museum geplündert.

Anhand der nun gefundenen Objekte konnte dargelegt werden, dass die jüdische Einrichtung in der Malzgasse einst nicht nur dem Gebet und dem Studium diente, hier wurden Bedürftige mit Nahrung und Kleidung versorgt. Die Mittel dafür kamen meist von Spendern. Gesichert werden konnte auch eine Aufnahme von der ehemaligen Synagoge. Das Haus der Geschichte legt nicht nur die Objekte offen, sondern regt auch zu Diskussionen über die Art des Gedenkens oder einer Wiederherstellung an.

Ein Gedenkstein für Gisela Figdor wurde 2014 in Hohenems verlegt.
Ein Gedenkstein für Gisela Figdor wurde 2014 in Hohenems verlegt.

Die Sonderausstellung „Nicht mehr verschüttet“ im Haus der Geschichte Österreich in Wien (Neue Burg, Heldenplatz) ist bis 19. April 2020 geöffnet: hdgoe.at